Page - 438 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Zusatz 1909
Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der Traumprobleme nicht auch über den
Zeitabschnitt vom ersten Erscheinen bis zur zweiten Auflage dieses Buches fortgeführt habe.
Dieselbe mag dem Leser wenig befriedigend erscheinen; ich bin nichtsdestoweniger durch sie
bestimmt worden. Die Motive, die mich überhaupt zu einer Darstellung der Behandlung des
Traumes in der Literatur veranlaßt hatten, waren mit der vorstehenden Einleitung erschöpft; eine
Fortsetzung dieser Arbeit hätte mich außerordentliche Bemühung gekostet und sehr wenig
Nutzen oder Belehrung gebracht. Denn der in Rede stehende Zeitraum von neun Jahren hat weder
an tatsächlichem Material noch an Gesichtspunkten für die Auffassung des Traumes Neues oder
Wertvolles gebracht. Meine Arbeit ist in den meisten seither veröffentlichten Publikationen
unerwähnt und unberücksichtigt geblieben; am wenigsten Beachtung hat sie natürlich bei den
sogenannten »Traumforschern« gefunden, die von der dem wissenschaftlichen Menschen eigenen
Abneigung, etwas Neues zu erlernen, hiemit ein glänzendes Beispiel gegeben haben, »Les
savants ne sont pas curieux«, meint der Spötter Anatole France. Wenn es in der Wissenschaft ein
Recht zur Revanche gibt, so wäre ich wohl berechtigt, auch meinerseits die Literatur seit dem
Erscheinen dieses Buches zu vernachlässigen. Die wenigen Berichterstattungen, die sich in
wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben, sind so voll von Unverstand und Mißverständnissen,
daß ich den Kritikern mit nichts anderem als mit der Aufforderung, dieses Buch noch einmal zu
lesen, antworten könnte. Vielleicht dürfte die Aufforderung auch lauten: es überhaupt zu lesen.
In den Arbeiten jener Ärzte, welche sich zur Anwendung des psychoanalytischen Heilverfahrens
entschlossen haben, und anderer sind reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen
Anweisungen gedeutet worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung meiner Aufstellungen
hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in den Zusammenhang meiner Darstellung eingetragen.
Ein zweites Literaturverzeichnis am Ende stellt die wichtigsten Veröffentlichungen seit dem
ersten Erscheinen dieses Buches zusammen. Das reichhaltige Buch von Sante de Sanctis über die
Träume (1899), dem bald nach seinem Erscheinen eine Übersetzung ins Deutsche zuteil
geworden ist, hat sich mit meiner Traumdeutung zeitlich gekreuzt, so daß ich von ihm
ebensowenig Notiz nehmen konnte wie der italienische Autor von mir. Ich mußte dann leider
urteilen, daß seine fleißige Arbeit überaus arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal
die Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte.
Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an meine Behandlung der
Traumprobleme streifen. Ein jüngerer Philosoph, H. Swoboda, der es unternommen hat, die
Entdeckung der biologischen Periodizität (in Reihen von 23 und 28 Tagen), die von Wilh. Fließ
herrührt, auf das psychische Geschehen auszudehnen, hat in einer phantasievollen Schrift (1904)
mit diesem Schlüssel unter anderem auch das Rätsel der Träume lösen wollen. Die Bedeutung der
Träume wäre dabei zu kurz gekommen; das Inhaltsmaterial derselben würde sich durch das
Zusammentreffen all jener Erinnerungen erklären, die in jener Nacht gerade eine der biologischen
Perioden zum ersten- oder n-tenmal vollenden. Eine persönliche Mitteilung des Autors ließ mich
zuerst annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht mehr ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß
ich mich in diesem Schluß geirrt habe; ich werde an anderer Stelle einige Beobachtungen zu der
Aufstellung Swobodas mitteilen, die mir aber ein überzeugendes Ergebnis nicht gebracht haben.
Bei weitem erfreulicher war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des Traumes
zu finden, die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt. Die Zeitverhältnisse schließen die
Möglichkeit aus, daß jene Äußerung durch die Lektüre meines Buches beeinflußt worden sei; ich
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin