Page - 443 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung des Kranken. Man strebt zweierlei
bei ihm an, eine Steigerung seiner Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und
eine Ausschaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Gedanken sonst zu sichten pflegt.
Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß
er eine ruhige Lage einnimmt und die Augen schließt; den Verzicht auf die Kritik der
wahrgenommenen Gedankenbildungen muß man ihm ausdrücklich auferlegen. Man sagt ihm
also, der Erfolg der Psychoanalyse hänge davon ab, daß er alles beachtet und mitteilt, was ihm
durch den Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten läßt, den einen Einfall zu unterdrücken, weil er
ihm unwichtig oder nicht zum Thema gehörig, den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint. Er
müsse sich völlig unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten; denn gerade an der Kritik läge es,
wenn es ihm sonst nicht gelänge, die gesuchte Auflösung des Traums, der Zwangsidee u. dgl. zu
finden.
Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß die psychische Verfassung des
Mannes, welcher nachdenkt, eine ganz andere ist als die desjenigen, welcher seine psychischen
Vorgänge beobachtet. Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion mehr ins Spiel als bei der
aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es auch die gespannte Miene und die in Falten gezogene
Stirne des Nachdenklichen im Gegensatz zur mimischen Ruhe des Selbstbeobachters erweist. In
beiden Fällen muß eine Sammlung der Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der Nachdenkende
übt außerdem eine Kritik aus, infolge deren er einen Teil der ihm aufsteigenden Einfälle verwirft,
nachdem er sie wahrgenommen hat, andere kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen nicht
folgt, welche sie eröffnen würden, und gegen noch andere Gedanken weiß er sich so zu
benehmen, daß sie überhaupt nicht bewußt, also vor ihrer Wahrnehmung unterdrückt werden. Der
Selbstbeobachter hingegen hat nur die Mühe, die Kritik zu unterdrücken; gelingt ihm dies, so
kommt ihm eine Unzahl von Einfällen zum Bewußtsein, die sonst unfaßbar geblieben wären. Mit
Hilfe dieses für die Selbstwahrnehmung neu gewonnenen Materials läßt sich die Deutung der
pathologischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. Wie man sieht, handelt es sich darum,
einen psychischen Zustand herzustellen, der mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch
mit dem hypnotischen) eine gewisse Analogie in der Verteilung der psychischen Energie (der
beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. Beim Einschlafen treten die »ungewollten
Vorstellungen« hervor durch den Nachlaß einer gewissen willkürlichen (und gewiß auch
kritischen) Aktion, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen einwirken lassen; als den Grund
dieses Nachlasses pflegen wir »Ermüdung« anzugeben; die auftauchenden ungewollten
Vorstellungen verwandeln sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen
von Schleiermacher, u. a. S. 73 f.[32] Bei dem Zustand, den man zur Analyse der Träume und
pathologischen Ideen benützt, verzichtet man absichtlich und willkürlich auf jene Aktivität und
verwendet die ersparte psychische Energie (oder ein Stück derselben) zur aufmerksamen
Verfolgung der jetzt auftauchenden ungewollten Gedanken, die ihren Charakter als Vorstellungen
(dies der Unterschied gegen den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. Man macht so die
»ungewollten« Vorstellungen zu »gewollten«.
Die hier geforderte Einstellung auf anscheinend »freisteigende« Einfälle mit Verzicht auf die
sonst gegen diese geübte Kritik scheint manchen Personen nicht leicht zu werden. Die
»ungewollten Gedanken« pflegen den heftigsten Widerstand, der sie am Auftauchen hindern will,
zu entfesseln. Wenn wir aber unserem großen Dichterphilosophen Fr. Schiller Glauben schenken,
muß eine ganz ähnliche Einstellung auch die Bedingung der dichterischen Produktion enthalten.
An einer Stelle seines Briefwechsels mit Körner, deren Aufspürung Otto Rank zu danken ist,
antwortet Schiller auf die Klage seines Freundes über seine mangelnde Produktivität: »Der Grund
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin