Page - 444 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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deiner Klage liegt, wie mir scheint, in dem Zwange, den dein Verstand deiner Imagination
auflegt. Ich muß hier einen Gedanken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. Es
scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig zu sein, wenn der Verstand die
zuströmenden Ideen, gleichsam an den Toren schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert
betrachtet, sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird sie durch eine, die
nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie in einer gewissen Verbindung mit anderen, die
vielleicht ebenso abgeschmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: – Alles das
kann der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht so lange festhält, bis er sie in Verbindung
mit diesen anderen angeschaut hat. Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, deucht mir, hat
der Verstand seine Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen pêle-mêle herein, und
alsdann erst übersieht und mustert er den großen Haufen. – Ihr Herren Kritiker, und wie Ihr Euch
sonst nennt, schämt oder fürchtet Euch vor dem augenblicklichen, vorübergehenden Wahnwitze,
der sich bei allen eigenen Schöpfern findet und dessen längere oder kürzere Dauer den
denkenden Künstler von dem Träumer unterscheidet. Daher Eure Klagen der Unfruchtbarkeit,
weil Ihr zu früh verwerft und zu strenge sondert.« (Brief vom 1. Dezember 1788.)
Und doch ist ein »solches Zurückziehen der Wache von den Toren des Verstandes«, wie Schiller
es nennt, ein derartiges sich in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen
keineswegs schwer.
Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unterweisung zustande; ich selbst kann
es sehr vollkommen, wenn ich mich dabei durch Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze.
Der Betrag von psychischer Energie, um den man so die kritische Tätigkeit herabsetzt und mit
welchem man die Intensität der Selbstbeobachtung erhöhen kann, schwankt erheblich je nach
dem Thema, welches von der Aufmerksamkeit fixiert werden soll.
Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun, daß man nicht den Traum als
Ganzes, sondern nur die einzelnen Teilstücke seines Inhalts zum Objekt der Aufmerksamkeit
machen darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten: Was fällt Ihnen zu diesem Traum
ein? so weiß er in der Regel nichts in seinem geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich muß ihm den
Traum zerstückt vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stück eine Reihe von Einfällen, die man
als die »Hintergedanken« dieser Traumpartie bezeichnen kann. In dieser ersten wichtigen
Bedingung weicht also die von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der populären,
historisch und sagenhaft berühmten Methode der Deutung durch Symbolik ab und nähert sich der
zweiten, der »Chiffriermethode«. Sie ist wie diese eine Deutung en detail, nicht en masse; wie
diese faßt sie den Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, als ein Konglomerat von
psychischen Bildungen auf.
Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich wohl bereits über tausend Träume
zur Deutung gebracht, aber dieses Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik
und Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, daß ich mich dem Einwand
aussetzen würde, es seien ja die Träume von Neuropathen, die einen Rückschluß auf die Träume
gesunder Menschen nicht gestatten, nötigt mich ein anderer Grund zu deren Verwerfung. Das
Thema, auf welches diese Träume zielen, ist natürlich immer die Krankheitsgeschichte, welche
der Neurose zugrunde liegt. Hiedurch würde für jeden Traum ein überlanger Vorbericht und ein
Eindringen in das Wesen und die ätiologischen Bedingungen der Psychoneurosen erforderlich,
Dinge, die an und für sich neu und im höchsten Grade befremdlich sind und so die
Aufmerksamkeit vom Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht geht vielmehr dahin, in
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin