Page - 446 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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vermeintliche Parteinahme Ottos gegen mich auf den Einfluß von Angehörigen der Kranken
zurück, die, wie ich annahm, meine Behandlung nie gerne gesehen hatten. Übrigens wurde mir
meine peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auch keinen Ausdruck. Am selben Abend
schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem
Dr. M., einem gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in unserem
Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden Nacht (wohl eher am Morgen) hatte ich
den nachstehenden Traum, der unmittelbar nach dem Erwachen fixiert wurde[34].
Traum vom 23./24. Juli 1895
Eine große Halle – viele Gäste, die wir empfangen. – Unter ihnen Irma, die ich sofort beiseite
nehme, um gleichsam ihren Brief zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die »Lösung«
noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch Schmerzen hast, so ist es wirklich nur deine
Schuld. – Sie antwortet: Wenn du wüßtest, was ich für Schmerzen jetzt habe im Hals, Magen und
Leib, es schnürt mich zusammen. – Ich erschrecke und sehe sie an. Sie sieht bleich und gedunsen
aus; ich denke, am Ende übersehe ich da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster
und schaue ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben wie die Frauen, die ein künstliches
Gebiß tragen. Ich denke mir, sie hat es doch nicht nötig. – Der Mund geht dann auch gut auf, und
ich finde rechts einen großen weißen Fleck, und anderwärts sehe ich an merkwürdigen krausen
Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nachgebildet sind, ausgedehnte weißgraue Schorfe. –
Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt und bestätigt… Dr. M. sieht ganz
anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt, ist am Kinn bartlos… Mein Freund Otto steht jetzt
auch neben ihr, und Freund Leopold perkutiert sie über dem Leibchen und sagt: Sie hat eine
Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte Hautpartie an der linken Schulter hin (was
ich trotz des Kleides wie er spüre)… M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es macht
nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift sich ausscheiden… Wir wissen auch
unmittelbar, woher die Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich unwohl fühlte,
eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen… Propionsäure… Trimethylamin
(dessen Formel ich fettgedruckt vor mir sehe)… Man macht solche Injektionen nicht so
leichtfertig… Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein.
Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist sofort klar, an welche Ereignisse des
letzten Tages er anknüpft und welches Thema er behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber
Auskunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irmas Befinden erhalten, die Krankengeschichte,
an der ich bis tief in die Nacht geschrieben, haben meine Seelentätigkeit auch während des
Schlafes beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und den Inhalt des Traumes
zur Kenntnis genommen hat, ahnen können, was der Traum bedeutet. Ich selbst weiß es auch
nicht. Ich wundere mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir klagt, da es
nicht dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt habe. Ich lächle über die unsinnige Idee
einer Injektion mit Propionsäure und über den Trost, den Dr. M. ausspricht. Der Traum scheint
mir gegen sein Ende hin dunkler und gedrängter, als er zu Beginn ist. Um die Bedeutung von
alledem zu erfahren, muß ich mich zu einer eingehenden Analyse entschließen.
Analyse
Die Halle – viele Gäste, die wir empfangen. Wir wohnten in diesem Sommer auf der Bellevue,
einem einzelstehenden Hause auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschließen. Dies
Haus war ehemals zu einem Vergnügungslokal bestimmt, hat hievon die ungewöhnlich hohen,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin