Page - 448 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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hochschätze. Als ich eines Abends bei ihr einen Besuch machte, fand ich sie in der im Traum
reproduzierten Situation beim Fenster, und ihr Arzt, derselbe Dr. M., erklärte, daß sie einen
diphtheritischen Belag habe. Die Person des Dr. M. und der Belag kehren ja im Fortgang des
Traumes wieder. Jetzt fällt mir ein, daß ich in den letzten Monaten allen Grund bekommen habe,
von dieser anderen Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma selbst hat es mir
verraten. Was weiß ich aber von ihren Zuständen? Gerade das eine, daß sie an hysterischem
Würgen leidet wie meine Irma im Traum. Ich habe also im Traum meine Patientin durch ihre
Freundin ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der Vermutung gespielt, diese Dame
könnte mich gleichfalls in Anspruch nehmen, sie von ihren Symptomen zu befreien. Ich hielt es
aber dann selbst für unwahrscheinlich, denn sie ist von sehr zurückhaltender Natur. Sie sträubt
sich, wie es der Traum zeigt. Eine andere Erklärung wäre, daß sie es nicht nötig hat; sie hat sich
wirklich bisher stark genug gezeigt, ihre Zustände ohne fremde Hilfe zu beherrschen. Nun sind
nur noch einige Züge übrig, die ich weder bei der Irma noch bei ihrer Freundin unterbringen
kann: bleich, gedunsen, falsche Zähne. Die falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante;
ich fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen. Dann fällt mir eine andere
Person ein, auf welche jene Züge anspielen können. Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin, und
ich möchte sie nicht zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, daß sie sich vor mir geniert, und
ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie ist für gewöhnlich bleich, und als sie einmal eine
besonders gute Zeit hatte, war sie gedunsen[35]. Ich habe also meine Patientin Irma mit zwei
anderen Personen verglichen, die sich gleichfalls der Behandlung sträuben würden. Was kann es
für Sinn haben, daß ich sie im Traume mit ihrer Freundin vertauscht habe? Etwa, daß ich sie
vertauschen möchte; die andere erweckt entweder bei mir stärkere Sympathien, oder ich habe
eine höhere Meinung von ihrer Intelligenz. Ich halte nämlich Irma für unklug, weil sie meine
Lösung nicht akzeptiert. Die andere wäre klüger, würde also eher nachgeben. Der Mund geht
dann auch gut auf; sie würde mehr erzählen als Irma[36].
Was ich im Halse sehe: einen weißen Fleck und verschorfte Nasenmuscheln. Der weiße Fleck
erinnert an Diphtheritis und somit an Irmas Freundin, außerdem aber an die schwere Erkrankung
meiner ältesten Tochter vor nahezu zwei Jahren und an all den Schreck jener bösen Zeit. Die
Schorfe an den Nasenmuscheln mahnen an eine Sorge um meine eigene Gesundheit. Ich
gebrauchte damals häufig Kokain, um lästige Nasenschwellungen zu unterdrücken, und hatte vor
wenigen Tagen gehört, daß eine Patientin, die es mir gleichtat, sich eine ausgedehnte Nekrose der
Nasenschleimhaut zugezogen hatte. Die Empfehlung des Kokains, die 1885 von mir ausging, hat
mir auch schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 1895 schon verstorbener Freund
hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen Untergang beschleunigt.
Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt. Das entspräche einfach der
Stellung, die M. unter uns einnahm. Aber das »schnell« ist auffällig genug, um eine besondere
Erklärung zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis. Ich hatte einmal durch
die fortgesetzte Ordination eines Mittels, welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine
schwere Intoxikation bei einer Kranken hervorgerufen und wandte mich dann eiligst an den
erfahrenen älteren Kollegen um Beistand. Daß ich diesen Fall wirklich im Auge habe, wird durch
einen Nebenumstand erhärtet. Die Kranke, welche der Intoxikation erlag, führte denselben
Namen wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals daran gedacht; jetzt kommt es mir
beinahe wie eine Schicksalsvergeltung vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem
Sinne fortsetzen; diese Mathilde für jene Mathilde; Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn. Es ist, als ob
ich alle Gelegenheiten hervorsuchte, aus denen ich mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher
Gewissenhaftigkeit machen kann.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin