Page - 456 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ein Bequemlichkeitstraum. Das Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch sonst im
Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den Durst zu löschen, nicht mit einem Traum
zu befriedigen, wie mein Rachedurst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute Wille ist der
gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermaßen modifiziert. Da bekam ich schon vor
dem Einschlafen Durst und trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen neben meinem Bett
stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein neuer Durstanfall, der seine
Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um mir Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und
mir das Glas holen müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand. Ich träumte also
zweckentsprechend, daß meine Frau mir aus einem Gefäß zu trinken gibt; dies Gefäß war ein
etruskischer Aschenkrug, den ich mir von einer italienischen Reise heimgebracht und seither
verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte aber so salzig (von der Asche offenbar), daß ich
erwachen mußte. Man merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht; da
Wunscherfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch sein. Liebe zur
Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf andere wirklich nicht vereinbar. Die Einmengung des
Aschenkruges ist wahrscheinlich wieder eine Wunscherfüllung; es tut mir leid, daß ich dies
Gefäß nicht mehr besitze, wie übrigens auch das Wasserglas auf Seiten meiner Frau mir nicht
zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt sich auch der nun stärker gewordenen Sensation des
salzigen Geschmacks an, von der ich weiß, daß sie mich zum Erwachen zwingen wird[39].
Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen Jahren sehr häufig. Von jeher
gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, war mir das zeitige Erwachen immer eine
Schwierigkeit. Ich pflegte dann zu träumen, daß ich außer Bett bin und beim Waschtisch stehe.
Nach einer Weile konnte ich mich der Einsicht nicht verschließen, daß ich noch nicht
aufgestanden war, hatte aber doch dazwischen eine Weile geschlafen. Denselben Trägheitstraum
in besonders witziger Form kenne ich von einem jungen Kollegen, der meine Schlafneigung zu
teilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der er in der Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen
Auftrag, ihn jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Not, wenn sie den Auftrag
ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf besonders süß. Die Frau rief ins Zimmer: Herr
Pepi, stehen S’ auf, Sie müssen ins Spital. Daraufhin träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital,
ein Bett, in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi H… cand. med.,
zweiundzwanzig Jahre. Er sagte sich träumend: Wenn ich also schon im Spital bin, brauche ich
nicht erst hinzugehen, wendete sich um und schlief weiter. Er hatte sich dabei das Motiv seines
Träumens unverhohlen eingestanden.
Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes selbst einwirkte: Eine meiner
Patientinnen, die sich einer ungünstig verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen,
sollte nach dem Wunsche der Ärzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kranken Wange
tragen. Sie pflegte ihn aber wegzuschleudern, sobald sie eingeschlafen war. Eines Tages bat man
mich, ihr darüber Vorwürfe zu machen; sie hatte den Apparat wiederum auf den Boden
geworfen. Die Kranke verantwortete sich: »Diesmal kann ich wirklich nichts dafür; es war die
Folge eines Traums, den ich bei Nacht gehabt. Ich war im Traum in einer Loge in der Oper und
interessierte mich lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der Herr Karl Meyer und
jammerte fürchterlich vor Kieferschmerzen. Ich habe gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe,
brauche ich auch den Apparat nicht; darum habe ich ihn weggeworfen.« Dieser Traum der armen
Dulderin klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich einem in unangenehmen Lagen über
die Lippen drängt: Ich wüßte mir wirklich ein besseres Vergnügen. Der Traum zeigt dieses
bessere Vergnügen. Herr Karl Meyer, dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war der
indifferenteste junge Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich erinnern konnte.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin