Page - 457 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen Träumen aufzudecken, die ich
von Gesunden gesammelt habe. Ein Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau
mitgeteilt hat, sagt mir eines Tages: »Ich soll dir von meiner Frau erzählen, daß sie gestern
geträumt hat, sie hätte die Periode bekommen. Du wirst wissen, was das bedeutet.« Freilich weiß
ich’s; wenn die junge Frau geträumt hat, daß sie die Periode hat, so ist die Periode ausgeblieben.
Ich kann mir’s denken, daß sie gerne noch einige Zeit ihre Freiheit genossen hätte, ehe die
Beschwerden der Mütterlichkeit beginnen. Es war eine geschickte Art, die Anzeige von ihrer
ersten Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt, seine Frau habe unlängst geträumt, daß
sie an ihrer Hemdenbrust Milchflecken bemerke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht
mehr vom ersten Mal; die junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind mehr Nahrung zu
haben als seinerzeit fürs erste.
Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres infektiös erkrankten Kindes vom
Verkehr abgeschnitten war, träumt nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer
Gesellschaft, in der sich A. Daudet, Bourget, M. Prévost u. a. befinden, die sämtlich sehr
liebenswürdig gegen sie sind und sie vortrefflich amüsieren. Die betreffenden Autoren tragen
auch im Traum die Züge, welche ihnen ihre Bilder geben; M. Prevost, von dem sie ein Bild nicht
kennt, sieht dem – Desinfektionsmanne gleich, der am Tag vorher die Krankenzimmer gereinigt
und sie als erster Besucher nach langer Zeit betreten hatte. Man meint den Traum lückenlos
übersetzen zu können: Jetzt wäre es einmal Zeit für etwas Amüsanteres als diese ewigen
Krankenpflegen.
Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß man sehr häufig und unter den
mannigfaltigsten Bedingungen Träume findet, die sich nur als Wunscherfüllungen verstehen
lassen und die ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeist kurze und einfache
Träume, die von den verworrenen und überreichen Traumkompositionen, die wesentlich die
Aufmerksamkeit der Autoren auf sich gezogen haben, wohltuend abstechen. Es verlohnt sich
aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu verweilen. Die allereinfachsten Formen von
Träumen darf man wohl bei Kindern erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder
kompliziert sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach meiner Meinung dazu
berufen, für die Psychologie der Erwachsenen ähnliche Dienste zu leisten wie die Untersuchung
des Baues oder der Entwicklung niederer Tiere für die Erforschung der Struktur der höchsten
Tierklassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte geschehen, die Psychologie der Kinder
zu solchem Zwecke auszunützen.
Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunscherfüllungen und dann im Gegensatz zu
den Träumen Erwachsener gar nicht interessant. Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber
natürlich unschätzbar für den Erweis, daß der Traum seinem innersten Wesen nach eine
Wunscherfüllung bedeutet. Bei meinem Materiale von eigenen Kindern konnte ich einige
Beispiele von solchen Träumen sammeln.
Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt im Sommer 1896 von Aussee aus verdanke ich zwei
Träume, den einen von meiner damals achteinhalbjährigen Tochter, den anderen von meinem
fünfeinvierteljährigen Knaben. Als Vorbericht muß ich angeben, daß wir in diesem Sommer auf
einem Hügel bei Aussee wohnten, von wo aus wir bei schönem Wetter eine herrliche
Dachsteinaussicht genossen. Mit dem Fernrohr war die Simony-Hütte gut zu erkennen. Die
Kleinen bemühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr zu sehen; ich weiß nicht, mit welchem
Erfolg. Vor der Partie hatte ich den Kindern erzählt, Hallstatt läge am Fuße des Dachsteins. Sie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin