Page - 462 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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unverhüllt? Man nehme den weitläufig behandelten Traum von Irmas Injektion, er ist keineswegs
peinlicher Natur, er ist durch die Deutung als eklatante Wunscherfüllung zu erkennen. Wozu
bedarf es aber überhaupt einer Deutung? Warum sagt der Traum nicht direkt, was er bedeutet?
Tatsächlich macht auch der Traum von Irmas Injektion zunächst nicht den Eindruck, daß er einen
Wunsch des Träumers als erfüllt darstellt. Der Leser wird diesen Eindruck nicht bekommen
haben, aber auch ich selbst wußte es nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses
der Erklärung bedürftige Verhalten des Traumes: die Tatsache der Traumentstellung, so erhebt
sich also die zweite Frage: Wovon rührt diese Traumentstellung her?
Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befragt, könnte man auf verschiedene mögliche
Lösungen geraten, z. B. daß während des Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken
einen entsprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser Träume nötigt uns, für
die Traumentstellung eine andere Erklärung zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traum
von mir selbst zeigen, welcher wiederum vielfache Indiskretionen erfordert, aber für dies
persönliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung des Problems entschädigt.
Vorbericht
Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Professoren unserer Universität mich für die Ernennung
zum Prof. extraord. vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir überraschend und erfreute
mich lebhaft als Ausdruck einer durch persönliche Beziehungen nicht aufzuklärenden
Anerkennung von seiten zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, daß ich an
dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium hatte in den letzten Jahren
Vorschläge solcher Art unberücksichtigt gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren
voraus waren und an Verdiensten mindestens gleichkamen, warteten seitdem vergebens auf ihre
Ernennung. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, daß es mir besser ergehen würde. Ich beschloß
also bei mir, mich zu trösten. Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche
Tätigkeit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein Titel empfiehlt. Es
handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich die Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie
unzweifelhaft zu hoch für mich hingen.
Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von denjenigen, deren Schicksal ich
mir zur Warnung hatte dienen lassen. Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum
Professor, die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken erhebt, und
minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit seine Vorstellung in den Bureaus des hohen
Ministeriums zu machen, um seine Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen Besuche kam
er zu mir. Er erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in die Enge getrieben und ihn
geradeheraus befragt habe, ob an dem Aufschub seiner Ernennung wirklich – konfessionelle
Rücksichten die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, daß allerdings – bei der
gegenwärtigen Strömung – Se. Exzellenz vorläufig nicht in der Lage sei usw. »Nun weiß ich
wenigstens, woran ich bin«, schloß mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte,
mich aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen Rücksichten sind
nämlich auch auf meinen Fall anwendbar.
Am Morgen nach diesem Besuch hatte ich folgenden Traum, der auch durch seine Form
bemerkenswert war. Er bestand aus zwei Gedanken und zwei Bildern, so daß ein Gedanke und
ein Bild einander ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des Traumes hieher, da die andere
mit der Absicht nichts zu tun hat, welcher die Mitteilung des Traumes dienen soll.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin