Page - 463 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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I … Freund R. ist mein Onkel. – Ich empfinde große Zärtlichkeit für ihn.
II. Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir. Es ist wie in die Länge gezogen, ein gelber
Bart, der es umrahmt, ist besonders deutlich hervorgehoben.
Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke und ein Bild, die ich übergehe.
Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen: Als mir der Traum im Laufe des
Vormittags einfiel, lachte ich auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht
abtun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am Abend Vorwürfe machte:
»Wenn einer deiner Patienten zur Traumdeutung nichts zu sagen wüßte als: Das ist ein Unsinn,
so würdest du es ihm verweisen und vermuten, daß sich hinter dem Traum eine unangenehme
Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis zu nehmen er sich ersparen will. Verfahr’ mit dir
selbst ebenso; deine Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren Widerstand
gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten.« Ich machte mich also an die Deutung.
»R. ist mein Onkel.« Was kann das heißen? Ich habe doch nur einen Onkel gehabt, den Onkel
Josef[47]. Mit dem war’s allerdings eine traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als
dreißig Jahre her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung verleiten lassen, welche das
Gesetz schwer bestraft, und wurde dann auch von der Strafe getroffen. Mein Vater, der damals
aus Kummer in wenigen Tagen grau wurde, pflegte immer zu sagen, Onkel Josef sei nie ein
schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopf; so drückte er sich aus. Wenn also
Freund R. mein Onkel Josef ist, so will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaublich
und sehr unangenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im Traum sehe, mit den länglichen
Zügen und dem gelben Bart. Mein Onkel hatte wirklich so ein Gesicht, länglich, von einem
schönen blonden Bart umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz, aber wenn die
Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie für die Pracht ihrer Jugendjahre. Ihr
schwarzer Bart macht Haar für Haar eine unerfreuliche Farbenwandlung durch; er wird zuerst
rotbraun, dann gelbbraun, dann erst definitiv grau. In diesem Stadium befindet sich jetzt der Bart
meines Freundes R.; übrigens auch schon der meinige, wie ich mit Mißvergnügen bemerke. Das
Gesicht, das ich im Traum sehe, ist gleichzeitig das meines Freundes R. und das meines Onkels.
Es ist wie eine Mischphotographie von Galton, der, um Familienähnlichkeiten zu eruieren,
mehrere Gesichter auf die nämliche Platte photographieren ließ. Es ist also kein Zweifel möglich,
ich meine wirklich, daß Freund R. ein Schwachkopf ist – wie mein Onkel Josef.
Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zweck ich diese Beziehung hergestellt, gegen die ich mich
unausgesetzt sträuben muß. Sie ist doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein
Verbrecher, mein Freund R. ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür, daß er mit dem
Rad einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich diese Untat meinen? Das hieße die
Vergleichung ins Lächerliche ziehen. Da fällt mir aber ein anderes Gespräch ein, das ich vor
einigen Tagen mit meinem anderen Kollegen N., und zwar über das gleiche Thema hatte. Ich traf
N. auf der Straße; er ist auch zum Professor vorgeschlagen, wußte von meiner Ehrung und
gratulierte mir dazu. Ich lehnte entschieden ab. »Gerade Sie sollten sich den Scherz nicht
machen, da Sie den Wert des Vorschlags an sich selbst erfahren haben.« Er darauf
wahrscheinlich nicht ernsthaft: »Das kann man nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas
Besonderes vor. Wissen Sie nicht, daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich
erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die Untersuchung eingestellt wurde; es
war ein gemeiner Erpressungsversuch; ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin