Page - 464 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Bestrafung zu retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese Angelegenheit gegen mich
geltend, um mich nicht zu ernennen. Sie aber, Sie sind unbescholten.« Da habe ich ja den
Verbrecher, gleichzeitig aber auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein Onkel Josef
stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannten Kollegen dar, den einen als Schwachkopf, den
anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt auch, wozu ich diese Darstellung brauche. Wenn für den
Aufschub der Ernennung meiner Freunde R. und N. »konfessionelle« Rücksichten maßgebend
sind, so ist auch meine Ernennung in Frage gestellt; wenn ich aber die Zurückweisung der beiden
auf andere Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die Hoffnung ungestört.
So verfährt mein Traum; er macht den einen, R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum
Verbrecher; ich bin aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist aufgehoben,
ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor freuen und bin der peinlichen Anwendung
entgangen, die ich aus R.s Nachricht, was ihm der hohe Beamte bekannt, für meine eigene Person
hätte machen müssen.
Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter beschäftigen. Er ist für mein Gefühl
noch nicht befriedigend erledigt, ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit der
ich zwei geachtete Kollegen degradiere, um mir den Weg zur Professur frei zu halten. Meine
Unzufriedenheit mit meinem Vorgehen hat sich allerdings bereits ermäßigt, seitdem ich den Wert
der Aussagen im Traum zu würdigen weiß. Ich würde gegen jedermann bestreiten, daß ich R.
wirklich für einen Schwachkopf halte und daß ich N.s Darstellung jener Erpressungsaffäre nicht
glaube. Ich glaube ja auch nicht, daß Irma durch eine Infektion Ottos mit einem Propylenpräparat
gefährlich krank geworden ist; es ist, hier wie dort, nur mein Wunsch, daß es sich so verhalten
möge, den mein Traum ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert,
klingt im zweiten Traum minder absurd als im ersten; sie ist hier mit geschickter Benützung
tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa wie eine gutgemachte Verleumdung, an der »etwas
daran ist«, denn Freund R. hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen sich, und
Freund N. hat mir das Material für die Anschwärzung arglos selbst geliefert. Dennoch, ich
wiederhole es, scheint mir der Traum weiterer Aufklärung bedürftig.
Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt, auf welches die Deutung bisher
keine Rücksicht genommen hat. Nachdem mir eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im
Traum warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für meinen Onkel Josef
habe ich zärtliche Gefühle natürlich niemals gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und teuer;
aber käme ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten aus, die annähernd dem Grad
meiner Zärtlichkeit im Traume entsprechen, so wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit
gegen ihn erscheint mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine geistigen
Qualitäten, das ich durch die Verschmelzung seiner Persönlichkeit mit der des Onkels ausdrücke;
aber in entgegengesetztem Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt. Die
Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu den Gedanken hinter dem Traume;
sie steht im Gegensatz zu diesem Inhalt; sie ist geeignet, mir die Kenntnis der Traumdeutung zu
verdecken. Wahrscheinlich ist gerade dies ihre Bestimmung. Ich erinnere mich, mit welchem
Widerstand ich an die Traumdeutung ging, wie lange ich sie aufschieben wollte und den Traum
für baren Unsinn erklärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen her weiß ich, wie ein
solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. Es hat keinen Erkenntniswert, sondern bloß den einer
Affektäußerung. Wenn meine kleine Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat,
so behauptet sie, der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur gekostet zu haben. Wenn meine
Patienten sich so benehmen wie die Kleine, so weiß ich, daß es sich bei ihnen um eine
Vorstellung handelt, welche sie verdrängen wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum. Ich mag ihn
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin