Page - 465 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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nicht deuten, weil die Deutung etwas enthält, wogegen ich mich sträube. Nach vollzogener
Traumdeutung erfahre ich, wogegen ich mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, daß R. ein
Schwachkopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde, kann ich nicht auf die latenten
Traumgedanken, wohl aber auf dies mein Sträuben zurückführen. Wenn mein Traum im
Vergleich zu seinem latenten Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gegensätzliche
entstellt ist, so dient die im Traum manifeste Zärtlichkeit dieser Entstellung oder, mit anderen
Worten, die Entstellung erweist sich hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung. Meine
Traumgedanken enthalten eine Schmähung für R.; damit ich diese nicht merke, gelangt in den
Traum das Gegenteil, ein zärtliches Empfinden für ihn.
Es könnte dies eine allgemeingültige Erkenntnis sein. Wie die Beispiele in Abschnitt III gezeigt
haben, gibt es ja Träume, welche unverhüllte Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung
unkenntlich, verkleidet ist, da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen diesen Wunsch vorhanden
sein, und infolge dieser Abwehr könnte der Wunsch sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck
bringen. Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen Binnenleben das Seitenstück aus
dem sozialen Leben suchen. Wo findet man im sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines
psychischen Akts? Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von denen die eine eine
gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser Macht eine Rücksicht zu nehmen hat. Diese
zweite Person entstellt dann ihre psychischen Akte, oder, wie wir auch sagen können, sie verstellt
sich. Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teil eine solche Verstellung; wenn ich
meine Träume für den Leser deute, bin ich zu solchen Entstellungen genötigt. Über den Zwang
zu solcher Entstellung klagt auch der Dichter:
»Das Beste, was du wissen kannst,
darfst du den Buben doch nicht sagen.«
In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der den Machthabern unangenehme
Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung
unterdrücken, nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung handelt, präventiv, wenn sie
auf dem Wege des Drucks kundgegeben werden soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu
fürchten, er ermäßigt und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der Stärke und
Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, entweder bloß gewisse Formen des Angriffs
einzuhalten oder in Anspielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden, oder er muß seine
anstößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Verkleidung verbergen, er darf z. B. von
Vorfällen zwischen zwei Mandarinen im Reich der Mitte erzählen, während er die Beamten des
Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto weitgehender wird die
Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche den Leser doch auf die Spur der eigentlichen
Bedeutung leiten[48].
Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen den Phänomenen der Zensur
und denen der Traumentstellung gibt uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide
vorauszusetzen. Wir dürfen also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische Mächte
(Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von denen die eine den durch den Traum
zum Ausdruck gebrachten Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem
Traumwunsch übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung erzwingt. Es fragt
sich nur, worin die Machtbefugnis dieser zweiten Instanz besteht, kraft deren sie ihre Zensur
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin