Page - 466 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ausüben darf. Wenn wir uns erinnern, daß die latenten Traumgedanken vor der Analyse nicht
bewußt sind, der von ihnen ausgehende manifeste Trauminhalt aber als bewußt erinnert wird, so
liegt die Annahme nicht ferne, das Vorrecht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung zum
Bewußtsein. Aus dem ersten System könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was nicht vorher
die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte
auszuüben und die ihr genehmen Abänderungen am Bewußtseinswerber durchzusetzen. Wir
verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom »Wesen« des Bewußtseins; das
Bewußtwerden ist für uns ein besonderer psychischer Akt, verschieden und unabhängig von dem
Vorgang des Gesetzt- oder Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein
Sinnesorgan, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt. Es läßt sich zeigen, daß die
Psychopathologie dieser Grundannahmen schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere
Würdigung derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten.
Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen und ihrer Beziehungen zum
Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die auffällige Zärtlichkeit, die ich im Traum für meinen
Freund R. empfinde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig kongruente
Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich versetze mich in ein Staatsleben, in
welchem ein auf seine Macht eifersüchtiger Herrscher und eine rege öffentliche Meinung
miteinander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm mißliebigen Beamten und verlange
dessen Entlassung; um nicht zu zeigen, daß er dem Volkswillen Rechnung tragen muß, wird der
Selbstherrscher dem Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu der sonst kein
Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweite, den Zugang zum Bewußtsein beherrschende Instanz
Freund R. durch einen Erguß von übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des
ersten Systems ihn aus einem besonderen Interesse, dem sie gerade nachhängen, als einen
Schwachkopf beschimpfen möchten[49].
Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die Traumdeutung imstande sei, uns
Aufschlüsse über den Bau unseres seelischen Apparats zu geben, welche wir von der Philosophie
bisher vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur, sondern kehren, nachdem wir
die Traumentstellung aufgeklärt haben, zu unserem Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt,
wie denn die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufgelöst werden können. Wir
sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traumentstellung stattgefunden hat, wenn der peinliche
Inhalt nur zur Verkleidung eines erwünschten dient. Mit Rücksicht auf unsere Annahmen über
die zwei psychischen Instanzen können wir jetzt auch sagen, die peinlichen Träume enthalten
tatsächlich etwas, was der zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der
ersten Instanz erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder Traum von der ersten Instanz
ausgeht, die zweite sich nur abwehrend, nicht schöpferisch gegen den Traum verhält[50].
Beschränken wir uns auf eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traum beiträgt, so
können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann alle Rätsel bestehen, welche von den
Autoren am Traum bemerkt worden sind.
Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine Wunscherfüllung ergibt, muß
wiederum für jeden Fall durch die Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume
peinlichen Inhalts heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil Träume von Hysterikern,
die einen langen Vorbericht und stellenweise ein Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der
Hysterie erfordern. Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht aus dem Wege gehen.
Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung nehme, werden seine Träume
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin