Page - 468 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht ausgereicht. Ich dringe nach
Weiterem. Nach einer kurzen Pause, wie sie eben der Überwindung eines Widerstandes
entspricht, berichtet sie ferner, daß sie gestern einen Besuch bei einer Freundin gemacht, auf die
sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese Frau immer so sehr lobt. Zum Glück ist diese
Freundin sehr dürr und mager, und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Körperformen. Wovon
sprach nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsch, etwas stärker zu werden. Sie
fragte sie auch: »Wann laden Sie uns wieder einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen.«
Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin sagen: »Es ist geradeso, als ob Sie sich
bei der Aufforderung gedacht hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit du dich bei mir
anessen, dick werden und meinem Mann noch besser gefallen kannst. Lieber geb’ ich kein
Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen dann, daß Sie kein Souper geben können, erfüllt also Ihren
Wunsch, zur Abrundung der Körperformen Ihrer Freundin nichts beizutragen. Daß man von den
Dingen, die man in Gesellschaften vorgesetzt bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres
Mannes, im Interesse seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzunehmen.« Es fehlt
jetzt nur noch irgendein Zusammentreffen, welches die Lösung bestätigt. Es ist auch der
geräucherte Lachs im Trauminhalt noch nicht abgeleitet. »Wie kommen Sie zu dem im Traum
erwähnten Lachs?« »Geräucherter Lachs ist die Lieblingsspeise dieser Freundin«, antwortet sie.
Zufällig kenne ich die Dame auch und kann bestätigen, daß sie sich den Lachs ebensowenig
vergönnt wie meine Patientin den Kaviar.
Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere Deutung zu, die durch einen
Nebenumstand selbst notwendig gemacht wird. Die beiden Deutungen widersprechen einander
nicht, sondern überdecken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die gewöhnliche
Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psychopathologischen Bildungen. Wir haben
gehört, daß die Patientin gleichzeitig mit ihrem Traum von der Wunschverweigerung bemüht
war, sich einen versagten Wunsch im Realen zu verschaffen (die Kaviarsemmel). Auch die
Freundin hatte einen Wunsch geäußert, nämlich dicker zu werden, und es würde uns nicht
wundern, wenn unsere Dame geträumt hätte, der Freundin gehe der Wunsch nicht in Erfüllung.
Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin ein Wunsch – nämlich der nach
Körperzunahme – nicht in Erfüllung gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein
Wunsch nicht erfüllt wird. Der Traum erhält eine neue Deutung, wenn sie im Traum nicht sich,
sondern die Freundin meint, wenn sie sich an die Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen
können, sich mit ihr identifiziert hat.
Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen dieser Identifizierung hat sie sich den
versagten Wunsch im Realen geschaffen. Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn?
Das aufzuklären bedarf einer eingehenderen Darstellung. Die Identifizierung ist ein für den
Mechanismus der hysterischen Symptome höchst wichtiges Moment; auf diesem Wege bringen
es die Kranken zustande, die Erlebnisse einer großen Reihe von Personen, nicht nur die eigenen,
in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für einen ganzen Menschenhaufen zu leiden und
alle Rollen eines Schauspiels allein mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man wird mir
einwenden, dies sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähigkeit Hysterischer, alle
Symptome, die ihnen bei anderen Eindruck machen, nachzuahmen, gleichsam ein zur
Reproduktion gesteigertes Mitleiden. Damit ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der
psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas anderes ist der Weg und der
seelische Akt, der diesen Weg geht. Letzterer ist um ein geringes komplizierter, als man sich die
Imitation der Hysterischen vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten Schlußprozeß, wie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin