Page - 469 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher eine Kranke mit einer bestimmten Art von
Zuckungen unter anderen Kranken auf demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich nicht
erstaunt, wenn er eines Morgens erfährt, daß dieser besondere hysterische Anfall Nachahmung
gefunden hat. Er sagt sich einfach: Die anderen haben ihn gesehen und nachgemacht; das ist
psychische Infektion. Ja, aber die psychische Infektion geht etwa auf folgende Weise zu. Die
Kranken wissen in der Regel mehr voneinander als der Arzt über jede von ihnen, und sie
kümmern sich umeinander, wenn die ärztliche Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute ihren
Anfall; es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief von Hause, Auffrischung des
Liebeskummers u.
dgl. davon die Ursache ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen
folgender, nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von solcher Ursache solche
Anfälle haben kann, so kann ich auch solche Anfälle bekommen, denn ich habe dieselben
Anlässe. Wäre dies ein des Bewußtseins fähiger Schluß, so würde er vielleicht in die Angst
ausmünden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht sich aber auf einem anderen
psychischen Terrain, endet daher in der Realisierung des gefürchteten Symptoms. Die
Identifizierung ist also nicht simple Imitation, sondern Aneignung auf Grund des gleichen
ätiologischen Anspruches; sie drückt ein »gleichwie« aus und bezieht sich auf ein im
Unbewußten verbleibendes Gemeinsames.
Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benützt zum Ausdruck einer sexuellen
Gemeinsamkeit. Die Hysterika identifiziert sich in ihren Symptomen am ehesten – wenn auch
nicht ausschließlich – mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen Verkehr gestanden hat
oder welche mit den nämlichen Personen wie sie selbst sexuell verkehren. Die Sprache trägt einer
solchen Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei Liebende sind »Eines«. In der hysterischen
Phantasie wie im Traum genügt es für die Identifizierung, daß man an sexuelle Beziehungen
denkt, ohne daß sie darum als real gelten müssen. Die Patientin folgt also bloß den Regeln der
hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer Eifersucht gegen die Freundin (die sie als
unberechtigt übrigens selbst erkennt) Ausdruck gibt, indem sie sich im Traum an ihre Stelle setzt
und sich durch die Schaffung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr identifiziert.
Man möchte den Vorgang noch sprachlich in folgender Weise erläutern: Sie setzt sich an die
Stelle der Freundin im Traum, weil diese sich bei ihrem Mann an ihre Stelle setzt, weil sie deren
Platz in der Wertschätzung ihres Mannes einnehmen möchte[52].
In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß die Nichterfüllung des einen
Wunsches die Erfüllung eines anderen bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen meine
Traumlehre bei einer anderen Patientin, der witzigsten unter all meinen Träumerinnen. Ich hatte
ihr an einem Tage auseinandergesetzt, daß der Traum eine Wunscherfüllung sei; am nächsten
Tage brachte sie mir einen Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter nach dem gemeinsamen
Landaufenthalt fahre. Nun wußte ich, daß sie sich heftig gesträubt hatte, den Sommer in der
Nähe der Schwiegermutter zu verbringen, wußte auch, daß sie der von ihr gefürchteten
Gemeinschaft in den letzten Tagen durch die Miete eines vom Sitz der Schwiegermutter weit
entfernten Landaufenthalts glücklich ausgewichen war. Jetzt machte der Traum diese erwünschte
Lösung rückgängig; war das nicht der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre von der
Wunscherfüllung durch den Traum? Gewiß, man brauchte nur die Konsequenz aus diesem Traum
zu ziehen, um seine Deutung zu haben. Nach diesem Traum hatte ich unrecht; es war also ihr
Wunsch, daß ich unrecht haben sollte, und diesen zeigte ihr der Traum erfüllt. Der Wunsch, daß
ich unrecht haben sollte, der sich an dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber in
Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich hatte um die nämliche Zeit aus
dem Material, welches ihre Analyse ergab, geschlossen, daß in einer gewissen Periode ihres
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin