Page - 472 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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zurückzuhalten: »Ich träume«, berichtet mein Gewährsmann, »daß ich, eine Dame am Arm, vor
mein Haus komme. Dort wartet ein geschlossener Wagen, ein Herr tritt auf mich zu, legitimiert
sich als Polizeiagent und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur noch um die Zeit, meine
Angelegenheiten zu ordnen. Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet zu
werden?« – Gewiß nicht, muß ich zugeben. Wissen Sie vielleicht, unter welcher Beschuldigung
Sie verhaftet wurden? – »Ja, ich glaube wegen Kindesmords.« – Kindesmord? Sie wissen doch,
daß dieses Verbrechen nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen kann? – »Das ist
richtig.«[54] – Und unter welchen Umständen haben Sie geträumt; was ist am Abend vorher
vorgegangen? – »Das möchte ich Ihnen nicht gerne erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit.« –
Ich brauche es aber, sonst müssen wir auf die Deutung des Traums verzichten. – »Also hören Sie.
Ich habe die Nacht nicht zu Hause, sondern bei einer Dame zugebracht, die mir sehr viel
bedeutet. Als wir am Morgen erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor. Dann schlief
ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen.« – Es ist eine verheiratete Frau? – »Ja.« – Und
Sie wollen kein Kind mit ihr erzeugen? – »Nein, nein, das könnte uns verraten.« – Sie üben also
nicht normalen Koitus? – »Ich gebrauche die Vorsicht, mich vor der Ejakulation
zurückzuziehen.« – Darf ich annehmen, Sie hätten das Kunststück in dieser Nacht mehrere Male
ausgeführt und seien nach der Wiederholung am Morgen ein wenig unsicher gewesen, ob es
Ihnen gelungen ist? – »Das könnte wohl sein.« – Dann ist Ihr Traum eine Wunscherfüllung. Sie
erhalten durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind erzeugt haben, oder was nahezu das gleiche
ist, Sie hätten ein Kind umgebracht. Die Mittelglieder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern
Sie sich, vor einigen Tagen sprachen wir über die Ehenot und über die Inkonsequenz, daß es
gestattet ist, den Koitus so zu halten, daß keine Befruchtung zustande kommt, während jeder
Eingriff, wenn einmal Ei und Same sich getroffen und einen Fötus gebildet haben, als
Verbrechen bestraft wird. Im Anschluß daran gedachten wir auch der mittelalterlichen
Streitfrage, in welchem Zeitpunkt eigentlich die Seele in den Fötus hineinfahre, weil der Begriff
des Mordes erst von da an zulässig wird. Sie kennen gewiß auch das schaurige Gedicht von
Lenau, welches Kindermord und Kinderverhütung gleichstellt. – »An Lenau habe ich
merkwürdigerweise heute vormittag wie zufällig gedacht.« – Auch ein Nachklang Ihres Traums.
Und nun will ich Ihnen noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in Ihrem Traum nachweisen. Sie
kommen mit der Dame am Arm vor Ihr Haus. Sie führen sie also heim, anstatt daß Sie in
Wirklichkeit die Nacht in deren Hause zubringen. Daß die Wunscherfüllung, die den Kern des
Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form verbirgt, hat vielleicht mehr als einen Grund. Aus
meinem Aufsatz über die Ätiologie der Angstneurose könnten Sie erfahren, daß ich den coitus
interruptus als eines der ursächlichen Momente für die Entstehung der neurotischen Angst in
Anspruch nehme. Es würde dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Koitus dieser Art eine
unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element in die Zusammensetzung Ihres Traumes
eingeht. Dieser Verstimmung bedienen Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen.
Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmords nicht erklärt. Wie kommen Sie zu diesem
spezifisch weiblichen Verbrechen? – »Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren einmal in eine
solche Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld daran, daß ein Mädchen sich durch eine
Fruchtabtreibung vor den Folgen eines Verhältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit
der Ausführung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in begreiflicher Angst, daß
die Sache entdeckt würde.« – Ich verstehe, diese Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum
Ihnen die Vermutung, Sie hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein mußte.
Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum erzählen hörte, muß sich von ihm
betroffen gefühlt haben, denn er beeilte sich, ihn nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein
anderes Thema anzuwenden. Er hatte tags vorher sein Einkommenbekenntnis übergeben, welches
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin