Page - 474 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß man leicht in Gefahr kommt, es zu
übersehen, wie mir selbst durch längere Zeit geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler
Menschen gibt es eine masochistische Komponente, die durch die Verkehrung ins Gegenteil der
aggressiven, sadistischen entstanden ist. Man heißt solche Menschen »ideelle« Masochisten,
wenn sie die Lust nicht in dem ihnen zugefügten körperlichen Schmerz, sondern in der
Demütigung und seelischen Peinigung suchen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß diese Personen
Gegenwunsch- und Unlustträume haben können, die für sie doch nichts anderes als
Wunscherfüllungen sind, Befriedigung ihrer masochistischen Neigungen. Ich setze einen solchen
Traum hieher: Ein junger Mann, der in früheren Jahren seinen älteren Bruder, dem er
homosexuell zugetan war, sehr gequält hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung
einen aus drei Stücken bestehenden Traum: I. Wie ihn sein älterer Bruder »sekkiert«. II. Wie zwei
Erwachsene in homosexueller Absicht miteinander schön tun. III. Der Bruder hat das
Unternehmen verkauft, dessen Leitung er sich für seine Zukunft vorbehalten hat. Aus letzterem
Traume erwacht er mit den peinlichsten Gefühlen, und doch ist es ein masochistischer
Wunschtraum, dessen Übersetzung lauten könnte: es geschähe mir ganz recht, wenn der Bruder
mir jenen Verkauf antäte, zur Strafe für alle Quälereien, die er von mir ausgestanden hat.
Ich hoffe, die vorstehenden Beispiele werden genügen, um es – bis auf weiteren Einspruch –
glaubwürdig erscheinen zu lassen, daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als
Wunscherfüllung aufzulösen sind[56]. Es wird auch niemand eine Äußerung des Zufalls darin
erblicken, daß man bei der Deutung dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von denen man
nicht gerne spricht oder an die man nicht gerne denkt. Das peinliche Gefühl, welches solche
Träume erwecken, ist wohl einfach identisch mit dem Widerwillen, der uns von der Behandlung
oder Erwägung solcher Themata – meist mit Erfolg – abhalten möchte und welcher von jedem
von uns überwunden werden muß, wenn wir uns genötigt sehen, es doch in Angriff zu nehmen.
Dieses im Traum also wiederkehrende Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines Wunsches
nicht aus; es gibt bei jedem Menschen Wünsche, die er anderen nicht mitteilen möchte, und
Wünsche, die er sich selbst nicht eingestehen will. Anderseits finden wir uns berechtigt, den
Unlustcharakter all dieser Träume mit der Tatsache der Traumentstellung in Zusammenhang zu
bringen und zu schließen, diese Träume seien gerade darum so entstellt und die Wunscherfüllung
in ihnen bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, weil ein Widerwillen, eine Verdrängungsabsicht
gegen das Thema des Traumes oder gegen den aus ihm geschöpften Wunsch besteht. Die
Traumentstellung erweist sich also tatsächlich als ein Akt der Zensur. Allem, was die Analyse der
Unlustträume zutage gefördert hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir unsere Formel, die das
Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art verändern: Der Traum ist die (verkleidete)
Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches[57].
Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart der Träume mit peinlichem Inhalt,
deren Auffassung als Wunschträume bei den Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit
begegnen wird. Doch kann ich die Angstträume hier ganz kurz abtun; es ist nicht eine neue Seite
des Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen würde, sondern es handelt sich bei ihnen um das
Verständnis der neurotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume empfinden, ist nur
scheinbar durch den Inhalt des Traumes erklärt. Wenn wir den Trauminhalt der Deutung
unterziehen, merken wir, daß die Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser
gerechtfertigt wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, an welcher die Phobie
hängt. Es ist z.
B. zwar richtig, daß man aus dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat,
sich beim Fenster einer gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen, warum bei
der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und den Kranken weit über ihre Anlässe hinaus
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin