Page - 479 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich unlängst im Freundeskreise erzählt und als
Beweis für meine Behauptung verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung einer
Absicht des Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die geheime Gesinnung des
Vergessenden gestatte. Eine junge Frau, welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen
Strauß von ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärtlichkeit an einem solchen
Festtag und bricht darüber in Tränen aus. Der Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu
erklären, bis sie ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich vor die Stirne, ruft aus:
Entschuldige, hab’ ich doch ganz daran vergessen, und will fort, ihr Blumen zu holen. Sie läßt
sich aber nicht trösten, denn sie sieht in der Vergeßlichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür, daß
sie in seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie einstens. – Diese Frau L. ist meiner
Frau vor zwei Tagen begegnet, hat ihr mitgeteilt, daß sie sich wohlfühlt, und sich nach mir
erkundigt. Sie stand in früheren Jahren in meiner Behandlung.
Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches geschrieben wie eine Monographie
über eine Pflanze, nämlich einen Aufsatz über die Cocapflanze, welcher die Aufmerksamkeit von
K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt hat. Ich hatte diese
Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation selbst angedeutet, aber war nicht gründlich
genug, die Sache weiter zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, daß ich am Vormittag des Tages nach
dem Traume (zu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des Kokains in einer Art von
Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich je Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin
reisen und mich dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzt, den er mir empfiehlt,
inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht wüßte, an wem er arbeitet, würde wieder
einmal rühmen, wie leicht sich diese Operationen seit der Einführung des Kokains gestaltet
haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser Entdeckung selbst einen Anteil
habe. An diese Phantasie schlossen sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei,
ärztliche Leistungen von Seiten der Kollegen für seine Person in Anspruch zu nehmen. Den
Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde ich wie ein anderer entlohnen können. Nachdem
dieser Tagtraum mir in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß sich die Erinnerung an ein
bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der Entdeckung Kollers war nämlich mein
Vater an Glaukom erkrankt; er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzt Dr. Königstein,
operiert, Dr. Koller besorgte die Kokainanästhesie und machte dann die Bemerkung, daß bei
diesem Falle alle die drei Personen sich vereinigt fänden, die an der Einführung des Kokains
Anteil gehabt haben.
Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese Geschichte des Kokains erinnert
worden bin. Es war dies vor einigen Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren
Erscheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und Laboratoriumsvorstandes gefeiert
hatten. Unter den Ruhmestiteln des Laboratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die
Entdeckung der anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch K. Koller vorgefallen sei. Ich
bemerke nun plötzlich, daß mein Traum mit einem Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt.
Ich hatte gerade Dr. Königstein nach Hause begleitet, mit dem ich in ein Gespräch über eine
Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal, wenn sie berührt wird, lebhaft erregt. Als ich
mich in dem Hausflur mit ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner jungen Frau hinzu. Ich
konnte mich nicht enthalten, die beiden darüber zu beglückwünschen, wie blühend sie aussehen.
Nun ist Professor Gärtner einer der Verfasser der Festschrift, von der ich eben sprach, und konnte
mich wohl an diese erinnern. Auch die Frau L., deren Geburtstagsenttäuschung ich unlängst
erzählte, war im Gespräch mit Dr. Königstein, in anderem Zusammenhange allerdings, erwähnt
worden.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin