Page - 483 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Darlegung das gleichgültige Erlebnis
zur Stellvertretung für das psychisch wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und
befremdend erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir uns vor der Aufgabe sehen, die
Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten Operation unserem Verständnis näherzubringen.
Hier haben wir es nur mit dem Erfolge des Vorganges zu tun, zu dessen Annahme wir durch
ungezählte und regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen bei der Traumanalyse gedrängt werden.
Der Vorgang ist aber so, als ob eine Verschiebung – sagen wir: des psychischen Akzentes – auf
dem Wege jener Mittelglieder zustande käme, bis anfangs schwach mit Intensität geladene
Vorstellungen durch Übernahme der Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu einer
Stärke gelangen, welche sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu erzwingen. Solche
Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es sich um die Anbringung von Affektgrößen oder
überhaupt um motorische Aktionen handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre Zärtlichkeit
auf Tiere überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher Sammler wird, daß der Soldat einen
Streifen farbigen Zeuges, die Fahne, mit seinem Herzblute verteidigt, daß im Liebesverhältnis ein
um Sekunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder im Othello ein verlorenes
Schnupftuch einen Wutausbruch, das sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen,
die uns unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach denselben Grundsätzen
eine Entscheidung darüber gefällt wird, was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm
vorenthalten bleibt, also was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften, und wir
heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt. Verraten wir hier als das Ergebnis später
anzustellender Betrachtungen, daß der psychische Vorgang, den wir in der Traumverschiebung
erkannt haben, sich zwar nicht als ein krankhaft gestörter, wohl aber als ein vom normalen
verschiedener, als ein Vorgang von mehr primärer Natur herausstellen wird.
Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste von nebensächlichen Erlebnissen
aufnimmt, als eine Äußerung der Traumentstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran,
daß wir in der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psychischen Instanzen
bestehenden Durchgangszensur erkannt haben. Wir erwarten dabei, daß die Traumanalyse uns
regelmäßig die wirkliche, psychisch bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben aufdecken
wird, deren Erinnerung ihren Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben hat. Durch
diese Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu der Theorie von Robert gebracht, die für
uns unverwendbar geworden ist. Die Tatsache, welche Robert erklären wollte, besteht eben nicht;
ihre Annahme beruht auf einem Mißverständnis, auf der Unterlassung, für den scheinbaren
Trauminhalt den wirklichen Sinn des Traumes einzusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die
Lehre von Robert einwenden: Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte, unser Gedächtnis
durch besondere psychische Arbeit von den »Schlacken« der Tageserinnerung zu befreien, so
müßte unser Schlafen gequälter sein und auf angestrengtere Arbeit verwendet werden, als wir es
von unserem wachen Geistesleben behaupten können. Denn die Anzahl der indifferenten
Eindrücke des Tages, vor denen wir unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar
unermeßlich groß; die Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewältigen. Es ist sehr viel
wahrscheinlicher, daß das Vergessen der gleichgültigen Eindrücke ohne aktives Eingreifen
unserer seelischen Mächte vor sich geht.
Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robertschen Gedanken ohne weitere
Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der
indifferenten Eindrücke des Tages – und zwar des letzten Tages – regelmäßig einen Beitrag zum
Trauminhalte liefert. Die Beziehungen zwischen diesem Eindruck und der eigentlichen
Traumquelle im Unbewußten bestehen nicht immer von vornherein; wie wir gesehen haben,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin