Page - 484 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste der beabsichtigten Verschiebung, während
der Traumarbeit hergestellt. Es muß also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen gerade
nach der Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen, Eindruckes anzubahnen: dieser muß eine
besondere Eignung durch irgendeine Qualität dazu bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht
durchführbar, daß die Traumgedanken ihren Akzent auf einen unwesentlichen Bestandteil ihres
eigenen Vorstellungskreises verschieben.
Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Aufklärung leiten. Wenn uns ein Tag
zwei oder mehr Erlebnisse gebracht hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der
Traum die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er gehorcht einem Zwang, eine Einheit
aus ihnen zu gestalten; z. B.: Ich stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupé ein,
in welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber fremd waren. Der eine war ein
einflußreicher Kollege, der andere ein Angehöriger einer vornehmen Familie, in welcher ich
ärztlich beschäftigt war. Ich machte die beiden Herren miteinander bekannt; ihr Verkehr ging
aber die lange Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem einen, bald mit dem anderen einen
Gesprächsstoff zu behandeln hatte. Den Kollegen bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der
eben seine ärztliche Praxis begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der Kollege
erwiderte, er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes überzeugt, aber sein unscheinbares
Wesen werde ihm den Eingang in vornehme Häuser nicht leicht werden lassen. Ich erwiderte:
Gerade darum bedarf er der Empfehlung. Bei dem anderen Mitreisenden erkundigte ich mich
bald darauf nach dem Befinden seiner Tante – der Mutter einer meiner Patientinnen –, welche
damals schwerkrank daniederlag. In der Nacht nach dieser Reise träumte ich, mein junger
Freund, für den ich die Protektion erbeten hatte, befinde sich in einem eleganten Salon und halte
vor einer ausgewählten Gesellschaft, in die ich alle mir bekannten vornehmen und reichen Leute
versetzt hatte, mit weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die (für den Traum bereits
verstorbene) alte Dame, welche die Tante des zweiten Reisegenossen war. (Ich gestehe offen, daß
ich mit dieser Dame nicht in guten Beziehungen gestanden hatte.) Mein Traum hatte also
wiederum Verknüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages aufgefunden und mittels
derselben eine einheitliche Situation komponiert.
Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz aufstellen, daß für die Traumarbeit
eine Art von Nötigung besteht, alle vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume
zusammenzusetzen[61].
Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traumerregende Quelle, auf welche die
Analyse hinführt, jedesmal ein rezentes (und bedeutsames) Ereignis sein muß oder ob ein inneres
Erlebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein Gedankengang, die Rolle
des Traumerregers übernehmen kann. Die Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das
bestimmteste ergibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer Vorgang sein,
der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage rezent geworden ist. Es wird jetzt wohl der richtige
Moment sein, die verschiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen erkennen lassen, in
einem Schema zusammenzustellen.
Die Traumquelle kann sein:
a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches im Traume direkt vertreten ist[62].
b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den Traum zu einer Einheit vereinigt
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin