Page - 486 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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wichtige Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das Denken), hier bereits
in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden hat und seither im Gedächtnis fixiert worden ist.
Jene ursprünglich indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie durch
Verschiebung die Wertigkeit vom psychisch bedeutsamen Material übernommen haben. Was
wirklich indifferent geblieben ist, kann auch nicht mehr im Traume reproduziert werden.
Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht schließen, daß ich die Behauptung
aufstelle, es gebe keine indifferenten Traumerreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist
in aller Strenge und Ausschließlichkeit meine Meinung, abgesehen von den Träumen der Kinder
und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächtliche Sensationen. Was man sonst träumt, ist
entweder manifest als psychisch bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann erst nach
vollzogener Traumdeutung zu beurteilen, worauf es sich wiederum als bedeutsam zu erkennen
gibt. Der Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlaf nicht
stören[68]. Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als arg, wenn man sich um ihre
Deutung bemüht; wenn man mir die Redensart gestattet, sie haben es »faustdick hinter den
Ohren«. Da dies wiederum ein Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich
gerne die Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Arbeit zu zeigen, will ich eine
Reihe von »harmlosen Träumen« aus meiner Sammlung hier der Analyse unterziehen.
I
Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben zu den Reservierten, zu den »stillen
Wassern« gehört, erzählt: Ich habe geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme und beim
Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts bekomme. Gewiß ein harmloser Traum, aber so
sieht ein Traum nicht aus; ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der Bericht
folgendermaßen: Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin, die den Korb trägt. Der Fleischhauer
sagt ihr, nachdem sie etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und will ihr etwas anderes
geben mit der Bemerkung: Das ist auch gut. Sie lehnt ab und geht zur Gemüsefrau, die will ihr
ein eigentümliches Gemüse verkaufen, das in Bündeln zusammengebunden ist, aber schwarz von
Farbe. Sie sagt: Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht.
Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war wirklich zu spät auf den Markt
gegangen und hatte nichts mehr bekommen. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt sich
einem als Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht eine recht gemeine
Redensart, die – oder vielmehr deren Gegenteil – auf eine Nachlässigkeit in der Kleidung eines
Mannes geht? Die Träumerin hat diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist ihnen vielleicht
ausgewichen; suchen wir nach der Deutung der im Traume enthaltenen Einzelheiten.
Wo etwas im Traum den Charakter einer Rede hat, also gesagt oder gehört wird, nicht bloß
gedacht – was sich meist sicher unterscheiden läßt – das stammt von Reden des wachen Lebens
her, die freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert, vor allem aber aus dem
Zusammenhange gerissen worden sind[69]. Man kann bei der Deutungsarbeit von solchen Reden
ausgehen. Woher stammt also die Rede des Fleischhauers: Das ist nicht mehr zu haben? Von mir
selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, »daß die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als
solche zu haben sind, sondern durch ›Übertragungen‹ und Träume in der Analyse ersetzt
werden«. Ich bin also der Fleischhauer, und sie lehnt diese Übertragungen alter Denk- und
Empfindungsweisen auf die Gegenwart ab. – Woher rührt ihre Traumrede: Das kenne ich nicht,
das nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse zu zerteilen. »Das kenne ich nicht« hat sie selbst
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin