Page - 492 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen großen Mann geschenkt
habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr häufig vorfallen; es gibt so viel erwartungsfrohe
Mütter und so viel alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf Erden vergangen ist
und die sich darum der Zukunft zugewendet haben. Es wird auch nicht der Schade der Prophetin
gewesen sein. Sollte meine Größensehnsucht aus dieser Quelle stammen? Aber da besinne ich
mich eben eines anderen Eindrucks aus späteren Jugendjahren, der sich zur Erklärung noch
besser eignen würde: Es war eines Abends in einem der Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern
den elf- oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein Mann auffiel, der von
Tisch zu Tisch ging und für ein kleines Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema
improvisierte. Ich wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und er erwies
sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe fragte, ließ er einige Reime über mich
fallen und erklärte es in seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch einmal »Minister«
werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich noch sehr wohl erinnern. Es
war die Zeit des Bürgerministeriums, der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen
Doktoren Herbst, Giskra, Unger, Berger u.
a. nach Hause gebracht, und wir hatten diesen Herren
zur Ehre illuminiert. Es waren sogar Juden unter ihnen; jeder fleißige Judenknabe trug also das
Ministerportefeuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken jener Zeit sogar
zusammenhängen, daß ich bis kurz vor der Inskription an der Universität willens war, Jura zu
studieren, und erst im letzten Moment umsattelte. Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn
überhaupt verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, daß er mich aus der trüben
Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit des Bürgerministeriums zurückversetzt und meinen
Wunsch von damals nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten und
achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht behandle, den einen, als ob er ein
Schwachkopf, den anderen, als ob er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich
mich, als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Ministers gesetzt. Welch
gründliche Rache an Seiner Exzellenz! Er verweigert es, mich zum Professor extraordinarius zu
ernennen, und ich setze mich dafür im Traum an seine Stelle.
In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch, welcher den Traum erregt, obzwar
ein gegenwärtiger, doch eine mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kindererinnerungen
bezieht. Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehnsucht, nach Rom zu
kommen, zugrunde liegt. Ich werde diese Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume
befriedigen müssen, denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise zur Verfügung steht,
ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten der Gesundheit zu meiden[72]. So träume ich denn
einmal, daß ich vom Coupéfenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich der Zug in
Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja gar nicht betreten habe. Die Aussicht, die ich
im Traume sah, war einem bekannten Stiche nachgebildet, den ich tags zuvor im Salon eines
Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand auf einen Hügel und zeigt mir
Rom vom Nebel halb verschleiert und noch so ferne, daß ich mich über die Deutlichkeit der
Aussicht wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist reicher, als ich hier ausführen möchte. Das
Motiv, »das gelobte Land von ferne sehen«, ist darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so
zuerst im Nebel gesehen habe, ist – Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in – Gleichenberg. In
einem dritten Traum bin ich endlich in Rom, wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner
Enttäuschung eine keineswegs städtische Szenerie, einen kleinen Fluß mit dunklem Wasser, auf
der einen Seite desselben schwarze Felsen, auf der anderen Wiesen mit großen weißen Blumen.
Ich bemerke einen Herrn Zucker (den ich oberflächlich kenne) und beschließe, ihn um den Weg
in die Stadt zu fragen. Es ist offenbar, daß ich mich vergebens bemühe, eine Stadt im Traume zu
sehen, die ich im Wachen nicht gesehen habe. Wenn ich das Landschaftsbild des Traums in seine
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin