Page - 494 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Hannibal, mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht hatte, war aber der Lieblingsheld meiner
Gymnasialjahre gewesen; wie so viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien während der
punischen Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager zugewendet. Als dann im
Obergymnasium das erste Verständnis für die Konsequenzen der Abstammung aus landesfremder
Rasse erwuchs und die antisemitischen Regungen unter den Kameraden mahnten, Stellung zu
nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen Feldherrn noch höher in meinen Augen.
Hannibal und Rom symbolisierten dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit des
Judentums und der Organisation der katholischen Kirche. Die Bedeutung, welche die
antisemitische Bewegung seither für unser Gemütsleben gewonnen hat, verhalf dann den
Gedanken und Empfindungen jener früheren Zeit zur Fixierung. So ist der Wunsch, nach Rom zu
kommen, für das Traumleben zum Deckmantel und Symbol für mehrere andere heiß ersehnte
Wünsche geworden, an deren Verwirklichung man mit der Ausdauer und Ausschließlichkeit des
Puniers arbeiten möchte und deren Erfüllung zeitweilig vom Schicksal ebensowenig begünstigt
scheint wie der Lebenswunsch Hannibals, in Rom einzuziehen.
Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all diesen Empfindungen und Träumen
noch heute seine Macht äußert. Ich mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater
begann, mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen seine Ansichten über
die Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte er mir einmal, um mir zu zeigen, in wieviel
bessere Zeiten ich gekommen sei als er: Als ich ein junger Mensch war, bin ich in deinem
Geburtsort am Samstag in der Straße spazierengegangen, schön gekleidet, mit einer neuen
Pelzmütze auf dem Kopf. Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem Schlag die Mütze in
den Kot und ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! »Und was hast du getan?« Ich bin auf den
Fahrweg gegangen und habe die Mütze aufgehoben, war die gelassene Antwort. Das schien mir
nicht heldenhaft von dem großen starken Mann, der mich Kleinen an der Hand führte. Ich stellte
dieser Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere gegenüber, die meinem Empfinden besser
entsprach, die Szene, in welcher Hannibals Vater, Hamilkar Barkas[74], seinen Knaben vor dem
Hausaltar schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen. Seitdem hatte Hannibal einen Platz
in meinen Phantasien.
Ich meine, daß ich diese Schwärmerei für den karthagischen General noch ein Stück weiter in
meine Kindheit zurück verfolgen kann, so daß es sich auch hier nur um die Übertragung einer
bereits gebildeten Affektrelation auf einen neuen Träger handeln dürfte. Eines der ersten Bücher,
das dem lesefähigen Kind in die Hände fiel, war Thiers’ Konsulat und Kaiserreich; ich erinnere
mich, daß ich meinen Holzsoldaten kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen Marschälle auf
den flachen Rücken geklebt und daß damals schon Masséna (als Jude: Menasse) mein erklärter
Liebling war[75]. (Diese Bevorzugung wird wohl auch durch den Zufall des gleichen
Geburtsdatums, genau hundert Jahre später, aufzuklären sein.) Napoleon selbst schließt sich
durch den Übergang über die Alpen an Hannibal an. Und vielleicht ließe sich die Entwicklung
dieses Kriegerideals noch weiter zurück in die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald
freundschaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei Jahre mit einem um ein Jahr
älteren Knaben bei dem schwächeren der beiden Gespielen hervorrufen mußte.
Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto häufiger wird man auf die Spur von
Kindheitserlebnissen geführt, welche im latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen
spielen.
Wir haben gehört (S. 47), daß der Traum sehr selten Erinnerungen so reproduziert, daß sie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin