Page - 497 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen kann, die, in der Kinderzeit gesehen, in
der späteren Erinnerung als »wildes Fleisch«, als »Wunde« wieder auftreten. Der Traum
vereinigt zwei Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien kleiner Mädchen sehen konnte,
beim Hinwerfen und bei deren Urinieren, und wie aus dem anderen Zusammenhange hervorgeht,
bewahrt er die Erinnerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters wegen der von dem
Buben bei diesen Anlässen bewiesenen sexuellen Neugierde.
IV
Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phantasie notdürftig vereinigt, findet sich
hinter folgendem Traum einer älteren Dame.
Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen. Auf dem Graben sinkt sie dann, wie
zusammengebrochen, in die Knie. Viele Leute sammeln sich um sie, besonders die
Fiakerkutscher; aber niemand hilft ihr auf. Sie macht viele vergebliche Versuche; endlich muß es
gelungen sein, denn man setzt sie in einen Fiaker, der sie nach Hause bringen soll; durchs
Fenster wirft man ihr einen großen, schwer gefüllten Korb nach (ähnlich einem Einkaufskorb).
Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie sie als Kind gehetzt hat. Die erste
Situation des Traumes ist offenbar von dem Anblick eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie
auch das »Zusammenbrechen« auf Wettrennen deutet. Sie war in jungen Jahren Reiterin, in noch
jüngeren wahrscheinlich auch Pferd. Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung an
den siebzehnjährigen Sohn des Portiers, der, auf der Straße von epileptischen Krämpfen befallen,
im Wagen nach Hause gebracht wurde. Davon hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung
von epileptischen Krämpfen, vom »Hinfallenden« hat große Macht über ihre Phantasie gewonnen
und später ihre eigenen hysterischen Anfälle in ihrer Form beeinflußt. – Wenn eine
Frauensperson vom Fallen träumt, so hat das wohl regelmäßig einen sexuellen Sinn, sie wird eine
»Gefallene«; für unseren Traum wird diese Deutung am wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt
auf dem Graben, jenem Platze von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der
Einkaufskorb gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er an die vielen Körbe, die sie zuerst
ihren Freiern ausgeteilt und später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann
auch, daß ihr niemand aufhelfen will, was sie selbst als Verschmähtwerden auslegt. Ferner
erinnert der Einkaufskorb an Phantasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen
sie tief unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu Markte einkaufen geht. Endlich aber
könnte der Einkaufskorb als Zeichen einer dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen
nun weitere Kindheitserinnerungen, an eine Köchin, die weggeschickt wurde, weil sie stahl; die
ist auch so in die Knie gesunken und hat gefleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein
Stubenmädchen, das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem Kutscher des Hauses abgab, der
sie übrigens später heiratete. Diese Erinnerung ergibt uns also eine Quelle für die Kutscher im
Traum (die sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht annehmen). Es bleibt aber
noch das Nachwerfen des Korbs, und zwar durchs Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das
Expedieren des Gepäcks auf der Eisenbahn, an das »Fensterln« auf dem Lande, an kleine
Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein Herr einer Dame blaue Pflaumen durchs Fenster in
ihr Zimmer wirft, wie ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil ein vorübergehender Trottel
durchs Fenster ins Zimmer sah. Und nun taucht dahinter eine dunkle Erinnerung aus dem
zehnten Lebensjahre auf, von einer Bonne, die auf dem Lande Liebesszenen mit einem Diener
des Hauses aufführte, von denen das Kind doch etwas gemerkt haben konnte, und die mitsamt
ihrem Liebhaber »expediert«, »hinausgeworfen« wurde (im Traum der Gegensatz:
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin