Page - 498 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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»hineingeworfen«), eine Geschichte, der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her genähert
hatten. Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person, wird aber in Wien geringschätzig als die
»sieben Zwetschken« bezeichnet. »Pack’ deine sieben Zwetschken zusammen und geh’.«
An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel oder gar nicht mehr erinnerten
Kindereindrücken, oft aus den ersten drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich
überreichen Vorrat. Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die für den Traum im
allgemeinen gelten sollen; es handelt sich ja regelmäßig um neurotische, speziell hysterische
Personen, und die Rolle, welche den Kinderszenen in diesen Träumen zufällt, könnte durch die
Natur der Neurose und nicht durch das Wesen des Traums bedingt sein. Indes begegnet es mir bei
der Deutung meiner eigenen Träume, die ich doch nicht wegen grober Leidenssymptome
unternehme, ebensooft, daß ich im latenten Trauminhalt unvermutet auf eine Infantilszene stoße
und daß mir eine ganze Serie von Träumen mit einemmal in die von einem Kindererlebnis
ausgehenden Bahnen einmündet. Beispiele hiefür habe ich schon erbracht, und ich werde noch
bei verschiedenen Anlässen weitere erbringen. Vielleicht kann ich den ganzen Abschnitt nicht
besser beschließen als durch Mitteilung einiger Träume, in denen rezente Anlässe und
langvergessene Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten.
I
Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht habe, melden sich im Schlafe die
großen Bedürfnisse des Lebens und ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise
geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen eine die Wirtin ist und etwas in der Hand
dreht, als ob sie Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich warten soll, bis sie fertig ist (nicht
deutlich als Rede). Ich werde ungeduldig und gehe beleidigt weg. Ich ziehe einen Überrock an;
der erste, den ich versuche, ist mir aber zu lang. Ich ziehe ihn wieder aus, etwas überrascht, daß
er Pelzbesatz hat. Ein zweiter, den ich anziehe, hat einen langen Streifen mit türkischer
Zeichnung eingesetzt. Ein Fremder mit langem Gesicht und kurzem Spitzbart kommt hinzu und
hindert mich am Anziehen, indem er ihn für den seinen erklärt. Ich zeige ihm nun, daß er über
und über türkisch gestickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen (Zeichnungen, Streifen …)
an? Wir sind aber dann ganz freundlich miteinander.
In der Analyse dieses Traums fällt mir ganz unerwartet der erste Roman ein, den ich, vielleicht
dreizehnjährig, gelesen, d. h. mit dem Ende des ersten Bandes begonnen habe. Den Namen des
Romans und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun in lebhafter
Erinnerung. Der Held verfällt in Wahnsinn und ruft beständig die drei Frauennamen, die ihm im
Leben das größte Glück und das Unheil bedeutet haben. Pelagie ist einer dieser Namen. Noch
weiß ich nicht, was ich mit diesem Einfall in der Analyse beginnen werde. Da tauchen zu den
drei Frauen die drei Parzen auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine
der drei Frauen, die Wirtin im Traum, die Mutter ist, die das Leben gibt, mitunter auch, wie bei
mir, dem Lebenden die erste Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein
junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der Frauenschönheit wurde, äußerte
einmal, als die Rede auf die schöne Amme kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die
gute Gelegenheit damals nicht besser ausgenützt zu haben. Ich pflege mich der Anekdote zur
Erläuterung für das Moment der Nachträglichkeit in dem Mechanismus der Psychoneurosen zu
bedienen. – Die eine der Parzen also reibt die Handflächen aneinander, als ob sie Knödel machen
würde. Eine sonderbare Beschäftigung für eine Parze, welche dringend der Aufklärung bedarf!
Diese kommt nun aus einer anderen und früheren Kindererinnerung. Als ich sechs Jahre alt war
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin