Page - 499 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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und den ersten Unterricht bei meiner Mutter genoß, sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht
sind und darum zur Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht, und ich zweifelte die
Lehre an. Da rieb die Mutter die Handflächen aneinander – ganz ähnlich wie beim
Knödelmachen, nur daß sich kein Teig zwischen ihnen befindet – und zeigte mir die
schwärzlichen Epidermisschuppen, die sich dabei abreiben, als eine Probe der Erde, aus der wir
gemacht sind, vor. Mein Erstaunen über diese Demonstration ad oculos war grenzenlos, und ich
ergab mich in das, was ich später in den Worten ausgedrückt hören sollte: »Du bist der Natur
einen Tod schuldig.«[76] So sind es also wirklich Parzen, zu denen ich in die Küche gehe, wie so
oft in den Kinderjahren, wenn ich hungrig war und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten,
bis das Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel! Wenigstens einer meiner Universitätslehrer,
aber gerade der, dem ich meine histologischen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, wird sich bei
dem Namen Knödl an eine Person erinnern, die er belangen mußte, weil sie ein Plagiat an seinen
Schriften begangen hatte. Ein Plagiat begehen, sich aneignen, was man bekommen kann, auch
wenn es einem andern gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes, in dem ich wie der
Überrockdieb behandelt werde, der eine Zeitlang in den Hörsälen sein Wesen trieb. Ich habe den
Ausdruck Plagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich mir darbot, und nun merke ich, daß
er als Brücke zwischen verschiedenen Stücken des manifesten Trauminhalts dienen kann. Die
Assoziationskette Pelagie – Plagiat – Plagiostomen[77] (Haifische) – Fischblase verbindet den
alten Roman mit der Affäre Knödl und mit den Überziehern, die ja offenbar ein Gerät der
sexuellen Technik bedeuten. (Vgl. Maurys Traum von Kilo – Lotto, S. 82.) Eine höchst
gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber doch keine, die ich im Wachen herstellen
könnte, wenn sie nicht schon durch die Traumarbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem Drang,
Verbindungen zu erzwingen, gar nichts heilig wäre, dient nun der teure Name Brücke
(Wortbrücke siehe oben) dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in dem ich meine
glücklichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst ganz bedürfnislos
(»So wird’s Euch an der Weisheit Brüsten
mit jedem Tage mehr gelüsten«),
im vollsten Gegensatz zu den Begierden, die mich, während ich träume, plagen. Und endlich
taucht die Erinnerung an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen Name wiederum an etwas
Eßbares anklingt (Fidschi, wie Knödl), und an eine traurige Szene, in der Epidermisschuppen
eine Rolle spielen (die Mutter – Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und ein Mittel aus der
lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, das Kokain.
So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiter folgen und das in der Analyse
fehlende Stück des Traums voll aufklären, aber ich muß es unterlassen, weil die persönlichen
Opfer, die es erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen der Fäden auf, der direkt zu
einem der dem Gewirre zugrunde liegenden Traumgedanken führen kann. Der Fremde mit
langem Gesicht und Spitzbart, der mich am Anziehen hindern will, trägt die Züge eines
Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau reichlich türkische Stoffe eingekauft hat. Er hieß
Popovic, ein verdächtiger Name, der auch dem Humoristen Stettenheim zu einer
andeutungsvollen Bemerkung Anlaß gegeben hat. (»Er nannte mir seinen Namen und drückte mir
errötend die Hand.«) Übrigens derselbe Mißbrauch mit Namen wie oben mit Pelagie, Knödl,
Brücke, Fleischl. Daß solche Namenspielerei Kinderunart ist, darf man ohne Widerspruch
behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der Vergeltung, denn mein eigener
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin