Page - 500 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Name ist unzählige Male solchen schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe
bemerkt einmal, wie empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man sich verwachsen fühlt
wie mit seiner Haut, als Herder auf seinen Namen dichtete:
»Der du von Göttern abstammst, von Gothen oder vom Kote« –
»So seid ihr Götterbilder auch zu Staub.«
Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von Namen nur diese Klage vorbereiten
sollte. Aber brechen wir hier ab. – Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen Einkauf
in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und die Gelegenheit zu schönen Erwerbungen
versäumte. (Die Gelegenheit bei der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken, die dem
Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll sich nichts entgehen lassen, nehmen, was
man haben kann, auch wenn ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man soll keine Gelegenheit
versäumen, das Leben ist so kurz, der Tod unvermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist und
weil die Begierde vor dem Unrecht nicht haltmachen will, hat dieses carpe diem die Zensur zu
fürchten und muß sich hinter einem Traum verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken zu
Wort, die Erinnerung an die Zeit, da die geistige Nahrung dem Träumer allein genügte, alle
Abhaltungen und selbst die Drohungen mit den ekelhaften sexuellen Strafen.
II
Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht:
Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise nach Aussee anzutreten, gehe aber
schon zum früher abgehenden Ischler Zug auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun
dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz des Regens im offenen Wagen
angekommen, direkt durch die Eingangstür für Lokalzüge hinausgetreten und hatte den Türhüter,
der ihn nicht kannte und ihm das Billet abnehmen wollte, mit einer kurzen Handbewegung ohne
Erklärung von sich gewiesen. Ich soll dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den
Perron wieder verlassen und in den Wartesaal zurückgehen, setze es aber mühselig durch, daß ich
bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit damit aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem
Protektionswege ein Coupé anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen, d. h.
gleiches Recht zu verlangen. Unterdes singe ich mir etwas vor, was ich dann als die Arie aus
Figaros Hochzeit erkenne:
»Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen, Tänzelein wagen,
Soll er’s nur sagen, ich spiel’ ihm eins auf.«
(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.)
Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stimmung gewesen, hatte Kellner und
Kutscher gefrozzelt, hoffentlich ohne ihnen wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und
revolutionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros passen und zur
Erinnerung an die Komödie von Beaumarchais, die ich in der Comédie française aufführen
gesehen. Das Wort von den großen Herren, die sich die Mühe gegeben haben, geboren zu
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin