Page - 501 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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werden; das Herrenrecht, das der Graf Almaviva bei Susanne zur Geltung bringen will; die
Scherze, die unsere bösen oppositionellen Tagschreiber mit dem Namen des Grafen Thun
anstellen, indem sie ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht; er hat jetzt einen
schweren Gang zum Kaiser, und ich bin der eigentliche Graf Nichtsthun; ich gehe auf Ferien.
Allerlei lustige Ferienvorsätze dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als Regierungsvertreter bei
den medizinischen Prüfungen bekannt ist und der sich durch seine Leistungen in dieser Rolle den
schmeichelhaften Beinamen »des Regierungsbeischläfers« zugezogen hat. Er verlangt unter
Berufung auf seine amtliche Eigenschaft ein Halbcoupé erster Klasse, und ich höre den Beamten
zu einem andern sagen: Wo geben wir den Herrn mit der halben Ersten hin? Eine nette
Bevorzugung; ich zahle meine erste Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupé für mich,
aber nicht in einem durchgehenden Wagen, so daß mir die Nacht über kein Abort zur Verfügung
steht. Meine Klage beim Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem ich ihm den
Vorschlag mache, in diesem Coupé wenigstens ein Loch im Boden anbringen zu lassen, für
etwaige Bedürfnisse der Reisenden. Ich erwache auch wirklich um dreiviertel drei Uhr morgens
mit Harndrang aus nachstehendem Traum:
Menschenmenge, Studentenversammlung. – Ein Graf (Thun oder Taaffe) redet. Aufgefordert,
etwas über die Deutschen zu sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde für ihre Lieblingsblume
den Huflattich und steckt dann etwas wie ein zerfetztes Blatt, eigentlich ein zusammengeknülltes
Blattgerippe ins Knopfloch. Ich fahre auf, fahre also auf[78], wundere mich aber doch über diese
meine Gesinnung. Dann undeutlicher: Als ob es die Aula wäre, die Zugänge besetzt, und man
müßte fliehen. Ich bahne mir den Weg durch eine Reihe von schön eingerichteten Zimmern,
offenbar Regierungszimmern, mit Möbeln in einer Farbe zwischen braun und violett, und komme
endlich in einen Gang, in dem eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauenzimmer, sitzt. Ich
vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält mich aber offenbar für berechtigt, hier zu passieren,
denn sie fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute oder sage ihr, sie soll auf der
Treppe stehenbleiben, und komme mir dabei sehr schlau vor, daß ich die Kontrolle am Ende
vermeide. So bin ich drunten und finde einen schmalen, steil aufsteigenden Weg, den ich gehe.
Wieder undeutlich… Als ob jetzt die zweite Aufgabe käme, aus der Stadt wegzukommen, wie
früher aus dem Haus. Ich fahre in einem Einspänner und gebe ihm Auftrag, zu einem Bahnhof zu
fahren. »Auf der Bahnstrecke selbst kann ich nicht mit Ihnen fahren«, sage ich, nachdem er einen
Einwand gemacht hat, als ob ich ihn übermüdet hätte. Dabei ist es, als wäre ich schon eine
Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt. Die Bahnhöfe sind besetzt; ich
überlege, ob ich nach Krems oder Znaim soll, denke aber, dort wird der Hof sein, und entscheide
mich für Graz oder so etwas. Nun sitze ich im Waggon, der ähnlich einem Stadtbahnwagen ist,
und habe im Knopfloch ein eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran violettbraune Veilchen
aus starrem Stoff, was den Leuten sehr auffällt. Hier bricht die Szene ab.
Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um
unerkannt zu bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausgeführt. Denken und Erleben ist
gleichsam eins. Er stellt sich blind, wenigstens auf einem Auge, und ich halte ihm ein männliches
Uringlas vor (das wir in der Stadt kaufen mußten oder gekauft haben). Ich bin also ein
Krankenpfleger und muß ihm das Glas geben, weil er blind ist. Wenn der Kondukteur uns so
sieht, muß er uns als unauffällig entkommen lassen. Dabei ist die Stellung des Betreffenden und
sein urinierendes Glied plastisch gesehen. Darauf das Erwachen mit Harndrang.
Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie, die den Träumer in das
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin