Page - 502 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen Andenken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert
war, wie überdies durch einen kleinen Ausflug in die Wachau, bei dem ich Emmersdorf[79]
kennengelernt hatte, den Ruhesitz des Studentenführers Fischhof, auf den einige Züge des
manifesten Trauminhalts weisen mögen. Die Gedankenverbindung führt mich dann nach
England, in das Haus meines Bruders, der seiner Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte »Fifty years
ago« nach dem Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder zu rektifizieren
gewöhnt waren: Fifteen years ago. Diese Phantasie, die sich an die Gedanken anschließt, welche
der Anblick des Grafen Thun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Fassade italienischer
Kirchen ohne organischen Zusammenhang dem Gebäude dahinter vorgesetzt; anders als diese
Fassaden ist sie übrigens lückenhaft, verworren, und Bestandteile aus dem Inneren drängen sich
an vielen Stellen durch. Die erste Situation des Traumes ist aus mehreren Szenen
zusammengebraut, in die ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung des Grafen im Traum
ist kopiert nach einer Gymnasialszene aus meinem fünfzehnten Jahr. Wir hatten gegen einen
mißliebigen und ignoranten Lehrer eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein Kollege war,
der sich seitdem Heinrich VIII. von England zum Vorbilde genommen zu haben scheint. Die
Führung des Hauptschlags fiel mir zu, und eine Diskussion über die Bedeutung der Donau für
Österreich (Wachau!) war der Anlaß, bei dem es zur offenen Empörung kam. Ein
Mitverschworener war der einzige aristokratische Kollege, den wir hatten, wegen seiner
auffälligen Längenentwicklung die »Giraffe« genannt, und der stand, vom Schultyrannen, dem
Professor der deutschen Sprache, zur Rede gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären
der Lieblingsblume und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas, was wieder eine Blume sein muß (was
an die Orchideen erinnert, die ich einer Freundin am selben Tag gebracht hatte, und außerdem an
eine Rose von Jericho), mahnt auffällig an die Szene aus den Königsdramen Shakespeares, die
den Bürgerkrieg der roten und der weißen Rose eröffnet; die Erwähnung Heinrichs VIII. hat den
Weg zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von den Rosen zu den roten und
weißen Nelken. (Dazwischen schieben sich in der Analyse zwei Verslein ein, eines deutsch, das
andere spanisch:
Rosen, Tulpen, Nelken,
alle Blumen welken.
Isabelita, no llores,
que se marchitan las flores.
Das Spanische vom »Figaro« her.) Die weißen Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der
Antisemiten, die roten das der Sozialdemokraten geworden. Dahinter eine Erinnerung an eine
antisemitische Herausforderung während einer Eisenbahnfahrt im schönen Sachsenlande
(Angelsachsen). Die dritte Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsituation
abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem deutschen Studentenverein gab es eine
Diskussion über das Verhältnis der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner Junge,
der materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um einen höchst einseitigen Standpunkt zu
vertreten. Da erhob sich ein überlegener älterer Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen
hat, Menschen zu lenken und Massen zu organisieren, der übrigens auch einen Namen aus dem
Tierreich trägt, und machte uns tüchtig herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin