Page - 503 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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gehütet und sei dann reuig ins Vaterhaus zurückgekehrt. Ich fuhr auf (wie im Traum), wurde
saugrob und antwortete, seitdem ich wüßte, daß er die Schweine gehütet, wunderte ich mich nicht
mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traum wundere ich mich über meine deutschnationale
Gesinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde von vielen Seiten aufgefordert, meine Worte
zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der Beleidigte war zu verständig, um das Ansinnen einer
Herausforderung, das man an ihn richtete, anzunehmen, und ließ die Sache auf sich beruhen.
Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen Schichten. Was soll es bedeuten,
daß der Graf den »Huflattich« proklamiert? Hier muß ich meine Assoziationsreihe befragen.
Huflattich – lattice – Salat – Salathund (der Hund, der anderen nicht gönnt, was er doch selber
nicht frißt). Hier sieht man durch auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: Giraffe, Schwein, Sau,
Hund; ich wüßte auch auf dem Umweg über einen Namen zu einem Esel zu gelangen und damit
wieder zu einem Hohn auf einen akademischen Lehrer. Außerdem übersetze ich mir – ich weiß
nicht, ob mit Recht – Huflattich mit »pisse-en-lit«. Die Kenntnis kommt mir aus dem Germinal
Zolas, in dem die Kinder aufgefordert werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund – chien –
enthält in seinem Namen einen Anklang an die größere Funktion (chier, wie pisser für die
kleinere). Nun werden wir bald das Unanständige in allen drei Aggregatzuständen beisammen
haben; denn im selben Germinal, der mit der künftigen Revolution genug zu tun hat, ist ein ganz
eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich auf die Produktion gasförmiger Exkretionen,
flatus genannt, bezieht[80]. Und nun muß ich bemerken, wie der Weg zu diesem flatus seit langem
angelegt ist, von den Blumen aus über das spanische Verslein, die Isabelita, zu Isabella und
Ferdinand, über Heinrich VIII., die englische Geschichte zum Kampf der Armada gegen
England, nach dessen siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille prägten mit der
Inschrift: Flavit et dissipati sunt, da der Sturmwind die spanische Flotte zerstreut hatte[81]. Diesen
Spruch gedachte ich aber zur halb scherzhaft gemeinten Überschrift des Kapitels »Therapie« zu
nehmen, wenn ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von meiner Auffassung und
Behandlung der Hysterie zu geben.
Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so ausführliche Auflösung nicht geben, und
zwar aus Rücksichten der Zensur. Ich setze mich nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener
Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler gehabt, an incontinentia alvi gelitten
haben soll u. dgl., und ich glaube, ich wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu passieren, obwohl
ein Hofrat (Aula, consiliarius aulicus) mir den größeren Teil jener Geschichten erzählt hat. Die
Reihe von Zimmern im Traum verdankt ihre Anregung dem Salonwagen Seiner Exzellenz, in den
ich einen Moment hineinblicken konnte; sie bedeutet aber, wie so häufig im Traum,
Frauenzimmer (ärarische Frauenzimmer). Mit der Person der Haushälterin statte ich einer
geistreichen älteren Dame schlechten Dank für die Bewirtung und die vielen guten Geschichten
ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind. – Der Zug mit der Lampe geht auf Grillparzer
zurück, der ein reizendes Erlebnis ähnlichen Inhaltes notiert und dann in »Hero und Leander«
(des Meeres und der Liebe Wellen – die Armada und der Sturm) verwendet hat[82].
Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke muß ich zurückhalten; ich werde
nur jene Elemente herausgreifen, die zu den beiden Kinderszenen führen, um derentwillen ich
den Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht vermuten, daß es sexuelles
Material ist, welches mich zu dieser Unterdrückung nötigt; man braucht sich aber mit dieser
Aufklärung nicht zufriedenzugeben. Man macht doch sich selbst aus vielem kein Geheimnis, was
man vor anderen als Geheimnis behandeln muß, und hier handelt es sich nicht um die Gründe,
die mich nötigen, die Lösung zu verbergen, sondern um die Motive der inneren Zensur, welche
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin