Page - 504 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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den eigentlichen Inhalt des Traums vor mir selbst verstecken. Ich muß also darum sagen, daß die
Analyse diese drei Traumstücke als impertinente Prahlereien, als Ausfluß eines lächerlichen, in
meinem wachen Leben längst unterdrückten Größenwahns erkennen läßt, der sich mit einzelnen
Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich komme mir schlau vor), allerdings die
übermütige Stimmung des Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei zwar auf
allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf die Redensart »Was kostet Graz?«, in der
man sich gefällt, wenn man sich überreich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Rabelais’
unübertroffene Schilderung von dem Leben und Taten des Gargantua und seines Sohnes
Pantagruel denken will, wird auch den angedeuteten Inhalt des ersten Traumstücks unter die
Prahlereien einreihen können. Zu den zwei versprochenen Kinderszenen gehört aber folgendes:
Ich hatte für diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen Farbe, ein Braunviolett, im Traum
mehrmals auftritt (violettbraune Veilchen aus starrem Stoff neben einem Ding, das man
»Mädchenfänger« heißt – die Möbel in den Regierungszimmern). Daß man mit etwas Neuem den
Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun ist mir folgende Szene aus meinem
Kinderleben erzählt worden, deren Erinnerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung.
Ich soll – im Alter von zwei Jahren – noch gelegentlich das Bett naß gemacht haben, und als ich
dafür Vorwürfe zu hören bekam, den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich ihm
in N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues, schönes rotes Bett kaufen werde. (Daher im Traum
die Einschaltung, daß wir das Glas in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten; was man
versprochen hat, muß man halten.) (Man beachte übrigens die Zusammenstellung des männlichen
Glases und des weiblichen Koffers, box.) Der ganze Größenwahn des Kindes ist in diesem
Versprechen enthalten. Die Bedeutung der Harnschwierigkeiten des Kindes für den Traum ist uns
bereits bei einer früheren Traumdeutung (vergleiche den Traum S. 211
f.) aufgefallen. Aus den
Psychoanalysen an Neurotischen haben wir auch den intimen Zusammenhang des Bettnässens
mit dem Charakterzug des Ehrgeizes erkannt.
Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als ich sieben oder acht Jahre alt
war, an den ich mich sehr wohl erinnere. Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen über das
Gebot der Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in deren
Anwesenheit zu verrichten, und der Vater ließ in seiner Strafrede darüber die Bemerkung fallen:
Aus dem Buben wird nichts werden. Es muß eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz
gewesen sein, denn Anspielungen an diese Szene kehren immer in meinen Träumen wieder und
sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistungen und Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen:
Siehst du, ich bin doch etwas geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das letzte Bild
des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Rollen vertauscht sind. Der ältere Mann, offenbar
der Vater, da die Blindheit auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet[83], uriniert jetzt
vor mir, wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom mahne ich ihn an das Kokain, das ihm bei
der Operation zugute kam, als hätte ich damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich
mich über ihn lustig; weil er blind ist, muß ich ihm das Glas vorhalten und schwelge in
Anspielungen an meine Erkenntnisse in der Lehre von der Hysterie, auf die ich stolz bin[84].
Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohnedies mit dem Thema der
Größensucht eng verbunden sind, so kam ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der
zufällige Umstand zugute, daß mein Coupé kein Klosett besaß und ich vorbereitet sein mußte,
während der Fahrt in Verlegenheit zu kommen, was dann am Morgen auch eintraf. Ich erwachte
dann mit den Empfindungen des körperlichen Bedürfnisses. Ich meine, man könnte geneigt sein,
diesen Empfindungen die Rolle des eigentlichen Traumerregers zuzuweisen, würde aber einer
anderen Auffassung den Vorzug geben, nämlich daß die Traumgedanken erst den Harndrang
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin