Page - 505 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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hervorgerufen haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgendein Bedürfnis im
Schlaf gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses Erwachens, drei Viertel drei Uhr morgens.
Einem weiteren Einwand begegne ich durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter
bequemeren Verhältnissen fast niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen verspürt
habe. Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Schaden unentschieden lassen.
Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse aufmerksam gemacht worden bin,
daß auch von Träumen, deren Deutung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und
Wunscherreger leicht nachweisbar sind – daß auch von solchen Träumen wichtige
Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste Kindheit hineinreichen, habe ich mich fragen
müssen, ob nicht auch in diesem Zug eine wesentliche Bedingung des Träumens gegeben ist.
Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme jedem Traum in seinem manifesten
Inhalt eine Anknüpfung an das rezent Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung
an das älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie wirklich zeigen kann, daß es im
guten Sinne bis auf die Gegenwart rezent geblieben ist. Diese Vermutung erscheint aber noch
recht schwer erweislich; ich werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester Kindheitserlebnisse
für die Traumbildung noch in anderem Zusammenhange (Abschnitt VII) zurückkommen müssen.
Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traumgedächtnisses hat sich uns die eine
– die Bevorzugung des Nebensächlichen im Trauminhalt – durch ihre Zurückführung auf die
Traumentstellung befriedigend gelöst. Die beiden anderen, die Auszeichnung des Rezenten wie
des Infantilen haben wir bestätigen, aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können.
Wir wollen diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwertung uns erübrigt, im
Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Einreihung finden müssen, entweder in der
Psychologie des Schlafzustandes oder bei jenen Erwägungen über den Aufbau des seelischen
Apparats, die wir später anstellen werden, wenn wir gemerkt haben, daß man durch die
Traumdeutung wie durch eine Fensterlücke in das Innere desselben einen Blick werfen kann.
Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber gleich hier hervorheben. Der
Traum erscheint häufig mehrdeutig; es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere
Wunscherfüllungen nebeneinander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine
Wunscherfüllung die andere decken, bis man zuunterst auf die Erfüllung eines Wunsches aus der
ersten Kindheit stößt, und auch hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das »häufig« nicht
richtiger durch »regelmäßig« zu ersetzen ist[85].
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin