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C
Die somatischen Traumquellen
Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die Probleme des Traumes zu
interessieren, und in dieser Absicht die Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach
seiner Meinung die Träume herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte im gesicherten
Besitz dieses Teils der Lösung zu sein vermeint. Er gedenkt sofort des Einflusses, den gestörte
oder beschwerte Verdauung (»Träume kommen aus dem Magen«), zufällige Körperlage und
kleine Erlebnisse während des Schlafens auf die Traumbildung äußern, und scheint nicht zu
ahnen, daß nach Berücksichtigung all dieser Momente etwas der Erklärung Bedürftiges noch
erübrigt.
Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Literatur den somatischen Reizquellen
zugesteht, haben wir im einleitenden Abschnitt (C) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir
uns hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern brauchen. Wir haben gehört, daß
dreierlei somatische Reizquellen unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden
objektiven Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Erregungszustände der
Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern stammenden Leibreize, und wir haben die Neigung
der Autoren bemerkt, neben diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische Quellen des
Traumes in den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (S. 65 f.). Bei der Prüfung der
Ansprüche, welche zugunsten von somatischen Reizquellen erhoben werden, haben wir erfahren,
daß die Bedeutung der objektiven Sinnesorganerregungen – teils zufällige Reize während des
Schlafes, teils solche, die sich auch vom schlafenden Seelenleben nicht fernehalten lassen – durch
zahlreiche Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine Bestätigung erfährt
(S. 50
f.), daß die Rolle der subjektiven Sinneserregungen durch die Wiederkehr der
hypnagogischen Sinnesbilder in den Träumen (S. 57 f.) dargetan erscheint und daß die im
weitesten Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder und Traumvorstellungen
auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen Breite beweisbar ist, aber sich an die allbekannte
Beeinflussung anlehnen kann, welche der Erregungszustand der Digestions-, Harn- und
Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume ausübt.
»Nervenreiz« und »Leibreiz« wären also die somatischen Quellen des Traumes, d.
h. nach
mehreren Autoren die einzigen Quellen des Traumes überhaupt.
Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör geschenkt, welche nicht sowohl die
Richtigkeit als vielmehr die Zulänglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen.
So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tatsächlichen Grundlagen fühlen
mußten – zumal soweit die akzidentellen und äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die im
Trauminhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert –, so blieb doch keiner der Einsicht ferne,
daß der reiche Vorstellungsinhalt der Träume eine Ableitung aus den äußeren Nervenreizen allein
nicht wohl zulasse. Miß Mary Whiton Calkins (1893) hat ihre eigenen Träume und die einer
zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von diesem Gesichtspunkte aus geprüft und nur
13,2 Prozent, respektive 6,7 Prozent, gefunden, in denen das Element äußerer
Sinneswahrnehmung nachweisbar war; nur zwei Fälle der Sammlung ließen sich auf organische
Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was uns bereits eine flüchtige
Überschau unserer eigenen Erfahrungen hatte vermuten lassen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin