Page - 508 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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verschiedenen Vorstellungen seine Vertretung im Trauminhalt erreichen[86]. Die Lehre von
Strümpell und Wundt ist aber unfähig, irgendein Motiv anzugeben, welches die Beziehung
zwischen dem äußeren Reiz und der zu seiner Deutung gewählten Traumvorstellung regelt, also
die »sonderbare Auswahl« zu erklären, welche die Reize »oft genug bei ihrer produktiven
Wirksamkeit treffen«. (Lipps, 1883, 170.) Andere Einwendungen richten sich gegen die
Grundvoraussetzung der ganzen Illusionslehre, daß die Seele im Schlaf nicht in der Lage sei, die
wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte Physiologe Burdach beweist
uns, daß die Seele auch im Schlafe sehr wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke
richtig zu deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem er ausführt, daß man
gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende Sinneseindrücke von der Vernachlässigung
während des Schlafes ausnehmen kann (Amme und Kind) und daß man durch den eigenen
Namen weit sicherer geweckt wird als durch einen gleichgültigen Gehörseindruck, was ja
voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe zwischen den Sensationen unterscheidet (Abschnitt I,
S. 76). Burdach folgert aus diesen Beobachtungen, daß während des Schlafzustandes nicht eine
Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern ein Mangel an Interesse für sie anzunehmen ist.
Die nämlichen Argumente, die Burdach 1830 verwendet, kehren dann zur Bekämpfung der
somatischen Reiztheorie unverändert bei Lipps im Jahre 1883 wieder. Die Seele erscheint uns
demnach so wie der Schläfer in der Anekdote, der auf die Frage »Schläfst du?« antwortet »nein«,
nach der zweiten Anrede, »dann leih mir zehn Gulden«, aber sich hinter der Ausrede verschanzt:
»Ich schlafe.«
Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traumreizen läßt sich auch auf andere
Weise dartun. Die Beobachtung zeigt, daß ich durch äußere Reize nicht zum Träumen genötigt
werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald und für den Fall, daß ich
träume. Gegen einen Haut- oder Druckreiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir
verschiedene Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim Erwachen finden,
daß z.
B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm gedrückt war; die Pathologie zeigt mir ja die
zahlreichsten Beispiele, daß verschiedenartige und kräftig erregende Empfindungs- und
Bewegungsreize während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die Sensation während des
Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf hindurch, wie es in der Regel mit schmerzhaften
Reizen geschieht, aber ohne den Schmerz in einen Traum zu verweben; und ich kann drittens auf
den Reiz erwachen, um ihn zu beseitigen[87]. Erst eine vierte mögliche Reaktion ist, daß ich durch
den Nervenreiz zum Traum veranlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden aber mindestens
ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Diese könnte nicht geschehen, wenn nicht
das Motiv des Träumens außerhalb der somatischen Reizquellen läge.
In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der Erklärung des Traums durch
somatische Reize haben nun andere Autoren – Scherner, dem der Philosoph Volkelt sich
anschloß – die Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen die bunten Traumbilder
entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, also doch wieder das Wesen des Träumens ins
Seelische und in eine psychische Aktivität verlegt. Scherner gab nicht nur eine poetisch
nachempfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen Eigentümlichkeiten, die sich bei
der Traumbildung entfalten, er glaubte auch das Prinzip erraten zu haben, nach dem die Seele mit
den ihr dargebotenen Reizen verfährt. In freier Betätigung der ihrer Tagesfesseln entledigten
Phantasie strebt nach Scherner die Traumarbeit dahin, die Natur des Organs, von dem der Reiz
ausgeht, und die Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine Art von
Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume, mittels dessen aus Traumbildern auf
Körpergefühle, Organzustände und Reizzustände geschlossen werden darf. »So drückt das Bild
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin