Page - 510 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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leuchtende Farben zeigen, im Gegensatz zu der Mattigkeit anderer Träume, kann man die
Deutung als »Gesichtsreiztraum« kaum abweisen, ebensowenig den Beitrag der Illusionsbildung
in Träumen bestreiten, welche Lärm und Stimmengewirr enthalten. Ein Traum wie der von
Scherner, daß zwei Reihen schöner blonder Knaben auf einer Brücke einander gegenüberstehen,
sich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen, bis endlich der Träumer
sich auf eine Brücke setzt und einen langen Zahn aus seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von
Volkelt, in dem zwei Reihen von Schubladen eine Rolle spielen und der wiederum mit dem
Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen bei beiden Autoren in großer Fülle mitgeteilte
Traumbildungen lassen es nicht zu, daß man die Schernersche Theorie als müßige Erfindung
beiseite wirft, ohne nach ihrem guten Kern zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe, für die
vermeintliche Symbolisierung des angeblichen Zahnreizes eine andersartige Aufklärung zu
erbringen.
Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den somatischen Traumquellen
beschäftigte, unterlassen, jenes Argument geltend zu machen, welches sich aus unseren
Traumanalysen ableitet. Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material an
Träumen nicht angewendet hatten, erweisen konnten, daß der Traum einen ihm eigenen Wert als
psychische Aktion besitzt, daß ein Wunsch das Motiv seiner Bildung wird und daß die Erlebnisse
des Vortages das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede andere Traumlehre,
welche ein so wichtiges Untersuchungsverfahren vernachlässigt und dementsprechend den Traum
als eine nutzlose und rätselhafte psychische Reaktion auf somatische Reize erscheinen läßt, auch
ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte denn, was sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz
verschiedene Arten von Träumen geben, von denen die eine nur uns, die andere nur den früheren
Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es erübrigt nur noch, den Tatsachen, auf welche
sich die gebräuchliche Lehre von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung
innerhalb unserer Traumlehre zu verschaffen.
Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den Satz aufstellten, daß die Traumarbeit
unter dem Zwange stehe, alle gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu
verarbeiten (S. 191
f.). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucksfähige Erlebnisse vom
Vortage übriggeblieben sind, die aus ihnen sich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt
werden, desgleichen, daß zum Traummaterial der psychisch wertvolle Eindruck und die
indifferenten Erlebnisse des Vortages zusammentreten, vorausgesetzt, daß sich kommunizierende
Vorstellungen zwischen beiden herstellen lassen. Der Traum erscheint somit als Reaktion auf
alles, was in der schlafenden Psyche gleichzeitig als aktuell vorhanden ist. Soweit wir also das
Traummaterial bisher analysiert haben, erkannten wir es als eine Sammlung von psychischen
Resten, Erinnerungsspuren, denen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten und des infantilen
Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von Aktualität zusprechen
mußten. Es schafft uns nun nicht viel Verlegenheit vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu
diesen Erinnerungsaktualitäten neues Material an Sensationen während des Schlafzustandes
hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie
aktuell sind; sie werden mit den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um das Material für
die Traumbildung abzugeben. Die Reize während des Schlafes werden, um es anders zu sagen, in
eine Wunscherfüllung verarbeitet, deren andere Bestandteile die uns bekannten psychischen
Tagesreste sind. Diese Vereinigung muß nicht vollzogen werden; wir haben ja gehört, daß gegen
körperliche Reize während des Schlafes mehr als eine Art des Verhaltens möglich ist. Wo sie
vollzogen wird, da ist es eben gelungen, ein Vorstellungsmaterial für den Trauminhalt zu finden,
welches für beiderlei Traumquellen, die somatischen wie die psychischen, eine Vertretung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin