Page - 511 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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darstellt.
Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den psychischen Traumquellen
somatisches Material hinzutritt; er bleibt eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck
durch das aktuelle Material bestimmt wird.
Ich will hier gerne Raum lassen für eine Reihe von Eigentümlichkeiten, welche die Bedeutung
äußerer Reize für den Traum veränderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß ein
Zusammenwirken individueller, physiologischer und zufälliger, in den jeweiligen Umständen
gegebener Momente darüber entscheidet, wie man sich in den einzelnen Fällen von intensiverer
objektiver Reizung während des Schlafes benehmen wird; die habituelle akzidentelle Schlaftiefe
im Zusammenhalt mit der Intensität des Reizes wird es das eine Mal ermöglichen, den Reiz so zu
unterdrücken, daß er im Schlaf nicht stört, ein anderes Mal dazu nötigen aufzuwachen oder den
Versuch unterstützen, den Reiz durch Verwebung in einen Traum zu überwinden. Der
Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend, werden äußere objektive Reize bei dem
einen häufiger oder seltener im Traum zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir, der
ich ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran festhalte, mich durch keinen Anlaß im
Schlaf stören zu lassen, ist die Einmengung äußerer Erregungsursachen in die Träume sehr selten,
während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht zum Träumen bringen. Ich habe
eigentlich nur einen einzigen Traum aufgezeichnet, in dem eine objektive, schmerzhafte
Reizquelle zu erkennen ist, und gerade in diesem Traum wird es sehr lehrreich werden
nachzusehen, welchen Traumerfolg der äußere Reiz hat.
Ich reite auf einem grauen Pferd, zuerst zaghaft und ungeschickt, als ob ich nur angelehnt wäre.
Da begegne ich einem Kollegen P., der im Lodenanzug hoch zu Roß sitzt und mich an etwas
mahnt (wahrscheinlich, daß ich schlecht sitze). Nun finde ich mich auf dem höchst intelligenten
Roß immer mehr zurecht, sitze bequem und merke, daß ich oben ganz heimisch bin. Als Sattel
habe ich eine Art Polster, das den Raum zwischen Hals und Kruppe des Pferdes vollkommen
ausfüllt. Ich reite so knapp zwischen zwei Lastwagen hindurch. Nachdem ich die Straße eine
Strecke weit geritten bin, kehre ich um und will absteigen, zunächst vor einer kleinen offenen
Kapelle, die in der Straßenfront liegt. Dann steige ich wirklich vor einer ihr nahe stehenden ab;
das Hotel ist in derselben Straße; ich könnte das Pferd allein hingehen lassen, ziehe es aber vor,
es bis dahin zu führen. Es ist, als ob ich mich schämen würde, dort als Reiter anzukommen. Vor
dem Hotel steht ein Hotelbursche, der mir einen Zettel zeigt, der von mir gefunden wurde, und
mich darum verspottet. Auf dem Zettel steht, zweimal unterstrichen: Nichts essen, und dann ein
zweiter Vorsatz (undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine dumpfe Idee, daß ich in einer
fremden Stadt bin, in der ich nichts arbeite.
Dem Traum wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter dem Einflusse, unter dem Zwange
vielmehr, eines Schmerzreizes entstanden ist. Ich hatte aber tags vorher an Furunkeln gelitten, die
mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel an der Wurzel des Skrotum
zur Apfelgröße herangewachsen, hatte mir bei jedem Schritt die unerträglichsten Schmerzen
bereitet, und fieberhafte Müdigkeit, Eßunlust, die trotzdem festgehaltene schwere Arbeit des
Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine Stimmung zu stören. Ich war nicht recht
fähig, meinen ärztlichen Aufgaben nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitz des Übels
ließ sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich sicherlich so untauglich gewesen wäre
wie für keine andere, und diese ist das Reiten. Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der
Traum; es ist die energischste Negation des Leidens, die der Vorstellung zugänglich ist. Ich kann
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin