Page - 514 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Reize in Abrede zu stellen, oder drittens, wenn sie dieselben anerkennen muß, so sucht sie jene
Deutung derselben auf, welche die aktuelle Sensation als einen Teilbestand einer gewünschten
und mit dem Schlafen verträglichen Situation hinstellt. Die aktuelle Sensation wird in einen
Traum verflochten, um ihr die Realität zu rauben. Napoleon darf weiter schlafen; es ist ja nur
eine Traumerinnerung an den Kanonendonner von Arcole, was ihn stören will[89].
Der Wunsch zu schlafen (auf den sich das bewußte Ich eingestellt hat und der nebst der
Traumzensur und der später zu erwähnenden »sekundären Bearbeitung« dessen Beitrag zum
Träumen darstellt) muß so als Motiv der Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder
gelungene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser allgemeine, regelmäßig vorhandene
und sich gleichbleibende Schlafwunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der,
bald jener durch den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegenstand einer anderen
Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch haben wir aber jenes Moment aufgedeckt,
welches die Lücke in der Strümpell-Wundtschen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und
Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren Reizes aufzuklären vermag. Die richtige Deutung,
deren die schlafende Seele sehr wohl fähig ist, nähme ein tätiges Interesse in Anspruch, stellte die
Anforderung, dem Schlaf ein Ende zu machen; es werden darum von den überhaupt möglichen
Deutungen nur solche zugelassen, die mit der absolutistisch geübten Zensur des Schlaf Wunsches
vereinbar sind. Etwa: Die Nachtigall ist’s und nicht die Lerche. Denn wenn’s die Lerche ist, so
hat die Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den nun zulässigen Deutungen des Reizes wird
dann jene ausgewählt, welche die beste Verknüpfung mit den in der Seele lauernden
Wunschregungen erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der Willkür
überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern – wenn man so will – Ausrede. Hier ist
aber wiederum, wie bei dem Ersatz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzensur, ein Akt
der Beugung des normalen psychischen Vorganges zuzugeben.
Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv genug sind, um sich psychische
Beachtung zu erzwingen, so stellen sie – falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg
ist – einen festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern im Traummaterial, zu dem eine
entsprechende Wunscherfüllung in ähnlicher Weise gesucht wird, wie (siehe oben) die
vermittelnden Vorstellungen zwischen zwei psychischen Traumreizen. Es ist insofern für eine
Anzahl von Träumen richtig, daß in ihnen das somatische Element den Trauminhalt
kommandiert. In diesem extremen Falle wird selbst behufs der Traumbildung ein gerade nicht
aktueller Wunsch geweckt. Der Traum kann aber nicht anders als einen Wunsch in einer
Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor die Aufgabe gestellt zu suchen, welcher
Wunsch durch die nun aktuelle Sensation als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies aktuelle
Material von schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur Traumbildung
nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über Wünsche, deren Erfüllung Unlust
hervorruft, was ein Widerspruch scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein zweier
psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur erklärlich wird.
Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte Wünsche, die dem ersten System
angehören, gegen deren Erfüllung das zweite System sich sträubt. Es gibt ist nicht etwa historisch
gemeint, daß es solche Wünsche gegeben und diese dann vernichtet worden sind; sondern die
Lehre von der Verdrängung, deren man in der Psychoneurotik bedarf, behauptet, daß solche
verdrängte Wünsche noch existieren, gleichzeitig aber eine Hemmung, die auf ihnen lastet. Die
Sprache trifft das Richtige, wenn sie vom »Unterdrücken« solcher Impulse redet. Die psychische
Veranstaltung, damit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung durchdringen, bleibt erhalten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin