Page - 516 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Sandstein der Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinn gestaltet. Auf diese
Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß jener Trauminhalt, der von den nicht ins
Ungewohnte gesteigerten Reizen aus unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen
Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint[90].
Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung zurückführt, meine Meinung am
besten erläutern. Eines Tages mühte ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von
Gehemmtsein, nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u.
dgl., die so häufig geträumt
wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl bedeuten mag. In der Nacht darauf hatte ich
folgenden Traum: Ich gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Wohnung im Parterre über
die Treppe in ein höheres Stockwerk. Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich,
daß ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich sehe ich, daß ein Dienstmädchen die Treppen
herab- und also mir entgegenkommt. Ich schäme mich, will mich eilen, und nun tritt jenes
Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen und komme nicht von der Stelle.
analyse: Die Situation des Traumes ist der alltäglichen Wirklichkeit entnommen. Ich habe in
einem Hause in Wien zwei Wohnungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. Im
Hochparterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und mein Arbeitszimmer, einen Stock
höher die Wohnräume. Wenn ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich
über die Treppe ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traum hatte ich diesen kurzen Weg
wirklich in etwas derangierter Toilette gemacht, d. h. ich hatte Kragen, Krawatte und
Manschetten abgelegt; im Traum war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter
Grad von Kleiderlosigkeit geworden. Das Überspringen von Stufen ist meine gewöhnliche Art,
die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits im Traum anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der
Leichtigkeit dieser Leistung hatte ich mich ob des Zustands meiner Herzarbeit getröstet. Ferner
ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten
Hälfte des Traums. Sie zeigt mir – was des Beweises nicht bedurfte –, daß der Traum keine
Schwierigkeit hat, sich motorische Aktionen in aller Vollkommenheit ausgeführt vorzustellen;
man denke an das Fliegen im Traum!
Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines Hauses; ich erkenne sie zunächst nicht,
erst die mir entgegenkommende Person klärt mich über die gemeinte Örtlichkeit auf. Diese
Person ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich zweimal besuche, um ihr
Injektionen zu machen; die Treppe ist auch ganz ähnlich jener, die ich zweimal im Tage dort zu
ersteigen habe.
Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in meinen Traum? Das Schämen, weil
man nicht voll angekleidet ist, hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von
dem ich träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend. Zu diesen Fragen fällt mir
nun nichts anderes ein als das Folgende: Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch mache,
werde ich gewöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das Produkt der Expektoration gerät
auf die Stiege. In diesen beiden Stockwerken befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich
vertrete den Standpunkt, daß die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine Kosten erfolgen darf,
sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes ermöglicht werden soll. Die Hausmeisterin,
eine gleichfalls ältliche und mürrische Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich ihr
zuzugestehen bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen Standpunkt ein. Sie lauert
mir auf, ob ich mir wieder die besagte Freiheit erlauben werde, und wenn sie das konstatiert hat,
höre ich sie vernehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die gewohnte
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin