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Typische Träume
Wir sind im allgemeinen nicht imstande, den Traum eines anderen zu deuten, wenn derselbe uns
nicht die hinter dem Trauminhalt stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch
wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der Traumdeutung schwer beeinträchtigt[91].
Nun gibt es aber, so recht im Gegensatz zu der sonstigen Freiheit des einzelnen, sich seine
Traumwelt in individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem Verständnis der anderen
unzugänglich zu machen, eine gewisse Anzahl von Träumen, die fast jedermann in derselben
Weise geträumt hat, von denen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie auch bei jedermann
dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet sich diesen typischen Träumen auch
darum zu, weil sie vermutlich bei allen Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also
besonders gut geeignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß zu geben.
Wir werden also mit ganz besonderen Erwartungen darangehen, unsere Technik der
Traumdeutung an diesen typischen Träumen zu versuchen, und uns nur sehr ungern eingestehen,
daß unsere Kunst sich gerade an diesem Material nicht recht bewährt. Bei der Deutung der
typischen Träume versagen in der Regel die Einfälle des Träumers, die uns sonst zum
Verständnis des Traumes geleitet haben, oder sie werden unklar und unzureichend, so daß wir
unsere Aufgabe mit ihrer Hilfe nicht lösen können.
Woher dies rührt und wie wir diesem Mangel unserer Technik abhelfen, wird sich an einer
späteren Stelle unserer Arbeit ergeben. Dann wird dem Leser auch verständlich werden, warum
ich hier nur einige aus der Gruppe der typischen Träume behandeln kann und die Erörterung der
anderen auf jenen späteren Zusammenhang verschiebe.
(α) Der Verlegenheitstraum der Nacktheit
Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegenwart Fremder sei, kommt auch mit
der Zutat vor, man habe sich dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem
Nacktheitstraum nur dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit empfindet, entfliehen oder
sich verbergen will und dabei der eigentümlichen Hemmung unterliegt, daß man nicht von der
Stelle kann und sich unvermögend fühlt, die peinliche Situation zu verändern. Nur in dieser
Verbindung ist der Traum typisch; der Kern seines Inhalts mag sonst in allerlei andere
Verknüpfungen einbezogen werden oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es handelt sich
im wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur der Scham, daß man seine
Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen möchte und es nicht zustande bringt. Ich glaube,
die allermeisten meiner Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits befunden haben.
Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig deutlich. Man hört etwa erzählen,
ich war im Hemd, aber dies ist selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt,
daß sie durch eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben wird: »Ich war im Hemd oder im
Unterrock.« In der Regel ist der Defekt der Toilette nicht so arg, daß die dazugehörige Scham
gerechtfertigt schiene. Für den, der den Rock des Kaisers getragen hat, ersetzt sich die Nacktheit
häufig durch eine vorschriftswidrige Adjustierung. »Ich bin ohne Säbel auf der Straße und sehe
Offiziere näher kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine karierte Zivilhose« u.
dgl.
Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde mit unbestimmt gelassenen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin