Page - 519 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Gesichtern. Niemals ereignet es sich im typischen Traum, daß man wegen der Kleidung, die
einem selbst solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird. Die Leute
machen ganz im Gegenteil gleichgültige, oder wie ich es in einem besonders klaren Traum
wahrnehmen konnte, feierlich steife Mienen. Das gibt zu denken.
Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit der Leute ergeben mitsammen
einen Widerspruch, wie er im Traume häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden
würde doch nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen oder sich über ihn
entrüsten. Ich meine aber, dieser anstößige Zug ist durch die Wunscherfüllung beseitigt worden,
während der andere, durch irgendwelche Macht gehalten, stehenblieb, und so stimmen die beiden
Stücke dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein interessantes Zeugnis dafür, daß der Traum in
seiner durch Wunscherfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht gefunden
hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden, welches uns allen in der
Andersenschen Fassung (›Des Kaisers neue Kleider‹) bekannt ist und in der jüngsten Zeit durch
L. Fulda im Talisman poetischer Verwertung zugeführt worden ist. Im Andersenschen Märchen
wird von zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares Gewand weben, das aber nur
den Guten und Treuen sichtbar sein soll. Der Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand
bekleidet aus, und durch die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle Leute, als ob
sie die Nacktheit des Kaisers nicht merken.
Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört wohl nicht viel Kühnheit dazu
anzunehmen, daß der unverständliche Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine
Einkleidung zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation sinnreich wird.
Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt und fremden Zwecken dienstbar
gemacht worden. Aber wir werden hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhalts durch
die bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems häufig vorkommt und als ein
Faktor für die endgültige Traumgestaltung anzuerkennen ist; ferner, daß bei der Bildung von
Zwangsvorstellungen und Phobien ähnliche Mißverständnisse – gleichfalls innerhalb der
nämlichen psychischen Persönlichkeit – eine Hauptrolle spielen. Es läßt sich auch für unseren
Traum angeben, woher das Material für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger ist der
Traum, der Kaiser der Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz verrät eine dunkle
Kenntnis davon, daß es sich im latenten Trauminhalt um unerlaubte, der Verdrängung geopferte
Wünsche handelt. Der Zusammenhang, in welchem solche Träume während meiner Analysen bei
Neurotikern auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber, daß dem Traume eine Erinnerung
aus der frühesten Kindheit zugrunde liegt. Nur in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in
mangelhafter Bekleidung von unseren Angehörigen wie von fremden Pflegepersonen,
Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir haben uns damals unserer Nacktheit nicht
geschämt[92]. An vielen Kindern kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre
Entkleidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu leiten. Sie lachen, springen
herum, schlagen sich auf den Leib, die Mutter oder wer dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui,
das ist eine Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitionsgelüste; man kann
kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen, ohne daß man einem zwei- bis dreijährigen
Kleinen begegnete, welches vor dem Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen
hochhebt. Einer meiner Patienten hat in seiner bewußten Erinnerung eine Szene aus seinem
achten Lebensjahr bewahrt, wie er nach der Entkleidung vor dem Schlafengehen im Hemd zu
seiner kleinen Schwester im nächsten Zimmer hinaustanzen will und wie die dienende Person es
ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die Entblößung vor Kindern des
anderen Geschlechts eine große Rolle; in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin