Page - 523 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Geschwistern ins Auge. Ich weiß nicht,
warum wir voraussetzen, es müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von
Geschwisterfeindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich drängen und wir so
oft feststellen können, diese Entzweiung rühre noch aus der Kindheit her oder habe von jeher
bestanden. Aber auch sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich hängen
und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener Feindschaft mit ihnen
gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere mißhandelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt;
das jüngere hat sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt, es beneidet und gefürchtet,
oder seine ersten Regungen von Freiheitsdrang und Rechtsbewußtsein haben sich gegen den
Unterdrücker gewendet. Die Eltern sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen den Grund
hiefür nicht zu finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß auch der Charakter des braven Kindes
ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen zu finden wünschen. Das Kind ist absolut
egoistisch, es empfindet seine Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer
Befriedigung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in erster Linie gegen
seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber darum nicht »schlecht«, wir heißen es »schlimm«;
es ist unverantwortlich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem Strafgesetz. Und
das mit Recht; denn wir dürfen erwarten, daß noch innerhalb von Lebenszeiten, die wir der
Kindheit zurechnen, in dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die Moral
erwachen werden, daß, mit Meynert zu reden, ein sekundäres Ich das primäre überlagern und
hemmen wird. Wohl entsteht die Moralität nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie, auch ist die
Dauer der morallosen Kindheitsperiode bei den einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die
Entwicklung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir gerne von »Degeneration«; es handelt sich
offenbar um eine Entwicklungshemmung. Wo der primäre Charakter durch die spätere
Entwicklung bereits überlagert ist, kann er durch die Erkrankung an Hysterie wenigstens partiell
wieder freigelegt werden. Die Übereinstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit
dem eines schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hingegen entspricht
einer Übermoralität, als verstärkende Belastung dem sich wieder regenden primären Charakter
auferlegt.
Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich durch ihr Hinsterben beraubt
fühlen würden, tragen von früher her böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten,
welche sich in Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders interessant, kleine
Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu
beobachten. Das Kind war bisher das einzige; nun wird ihm angekündigt, daß der Storch ein
neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den Ankömmling und äußert dann entschieden. »Der
Storch soll es wieder mitnehmen.«[97]
Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind abzuschätzen weiß, welche
Benachteiligung es von dem Fremdling zu erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, die
sich heute mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß ich, daß sie die
Nachricht von deren Ankunft mit dem Vorbehalt beantwortet hat: »Aber meine rote Kappe werde
ich ihr doch nicht geben.« Sollte das Kind erst später zu dieser Erkenntnis kommen, so wird seine
Feindseligkeit in diesem Zeitpunkt erwachen. Ich kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges
Mädchen den Säugling in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen weiterer Anwesenheit
ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese Lebenszeit in aller Stärke und
Deutlichkeit fähig. Oder das kleine Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das
Kind hat wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein neues vom Storch
geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser Liebling den Wunsch in sich erschaffen sollte, der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin