Page - 524 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 524 -
Text of the Page - 524 -
neue Konkurrent möge dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm selbst wieder so
gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit?[98] Natürlich ist dieses Verhalten des Kindes gegen
die Nachgeborenen in normalen Verhältnissen eine einfache Funktion des Altersunterschieds. Bei
einem gewissen Intervall werden sich in dem älteren Mädchen bereits die mütterlichen Instinkte
gegen das hilflose Neugeborene regen. Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister
müssen im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beobachtung Erwachsener
auffallen[99].
Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe ich die Gelegenheit zu solchen
Beobachtungen versäumt; ich hole sie jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen
Alleinherrschaft nach fünfzehn Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde.
Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das Schwesterchen benimmt, ihr die
Hand küßt und sie streichelt; ich überzeuge mich aber, daß er schon vor seinem vollendeten
zweiten Jahr seine Sprachfähigkeit dazu benützt, um Kritik an der ihm doch nur überflüssig
erscheinenden Person zu üben. Sooft die Rede auf sie kommt, mengt er sich ins Gespräch und
ruft unwillig: Zu k(l)ein, zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch
vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß er seine Mahnung, daß sie
so viel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders zu begründen. Er erinnert bei allen geeigneten
Anlässen daran: Sie hat keine Zähne[100]. Von dem ältesten Mädchen einer anderen Schwester
haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde
lang von allen Tanten bestätigen ließ: »Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht verstehen?«
Lucie war die um zweieinhalb Jahre jüngere Konkurrentin.
Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tod der Geschwister habe ich z. B.
bei keiner meiner Patientinnen vermißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine
Bestätigung der Regel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame während einer Sitzung diesen
Sachverhalt erklärte, der mir bei dem Symptom an der Tagesordnung in Betracht zu kommen
schien, antwortete sie zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie gehabt. Ein anderer
Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit nichts zu schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier
Jahren zuerst, als damals Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. »Eine Menge Kinder, alle
ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen tummelten sich auf einer Wiese. Plötzlich
bekamen sie Flügel, flogen auf und waren weg.« Von der Bedeutung dieses Traumes hatte sie
keine Ahnung; es wird uns nicht schwerfallen, einen Traum vom Tod aller Geschwister in seiner
ursprünglichen, durch die Zensur wenig beeinflußten Form darin zu erkennen. Ich getraue mich,
folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem Tode eines aus der Kinderschar – die Kinder zweier
Brüder wurden in diesem Falle in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen – wird unsere
noch nicht vierjährige Träumerin eine weise erwachsene Person gefragt haben: was wird denn
aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die Antwort wird gelautet haben: Dann bekommen sie
Flügel und werden Engerln. Im Traum nach dieser Aufklärung haben nun die Geschwister alle
Flügel wie die Engel, und – was die Hauptsache ist – sie fliegen weg. Unsere kleine
Engelmacherin bleibt allein, man denke, das einzige von einer solchen Schar! Daß sich die
Kinder auf einer Wiese tummeln, von der sie wegfliegen, deutet kaum mißverständlich auf
Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das Kind geleitet hätte, welche die
Alten bewog, die Psyche mit Schmetterlingsflügeln zu bilden.
Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der Kinder gegen ihre Geschwister
seien wohl zuzugeben, aber wie käme das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem
Mitbewerber oder stärkeren Spielgenossen den Tod zu wünschen, als ob alle Vergehen nur durch
524
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin