Page - 525 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 525 -
Text of the Page - 525 -
die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht, erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes
vom »Totsein« mit der unsrigen das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat. Das
Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, vom Frieren im kalten Grab, vom Schrecken
des endlosen Nichts, das der Erwachsene, wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner
Vorstellung so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum spielt es mit dem
gräßlichen Wort und droht einem anderen Kind: »Wenn du das noch einmal tust, wirst du
sterben, wie der Franz gestorben ist«, wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, die
vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte der erdgeborenen Menschen ihr
Leben nicht über die Jahre der Kindheit bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem
Gang durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen: »Mama, ich habe
dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf,
damit ich dich immer, immer sehen kann!« So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom
Gestorbensein der unsrigen[101].
Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die Szenen des Leidens vor dem Tode zu
sehen erspart wird, so viel als »fort sein«, die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet
nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zustande kommt, ob durch Verreisen, Entlassung,
Entfremdung oder Tod[102]. Wenn in den prähistorischen Jahren eines Kindes seine Kinderfrau
weggeschickt worden und einige Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so liegen für seine
Erinnerung, wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse in einer Reihe übereinander.
Daß das Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv vermißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerz
erfahren, wenn sie nach mehrwöchentlicher Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre
Erkundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges Mal nach der Mama gefragt.
Wenn sie aber wirklich in jenes »unentdeckte Land« verreist ist, »von des Bezirk kein Wanderer
wiederkehrt«, so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben, und erst nachträglich
beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern.
Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen Kindes zu wünschen, so mangelt
ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch in die Form zu kleiden, es möge tot sein, und die psychische
Reaktion auf den Todeswunschtraum beweist, daß trotz aller Verschiedenheit im Inhalt der
Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche ist wie der gleichlautende Wunsch des
Erwachsenen.
Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister erklärt wird durch den
Egoismus des Kindes, der es die Geschwister als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der
Todeswunsch gegen die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und Erfüller
seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus egoistischen Motiven wünschen sollte?
Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß die Träume vom Tode der Eltern
überwiegend häufig den Teil des Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt,
daß also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode der Mutter träumt. Ich
kann dies nicht als regelmäßig hinstellen, aber das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so
deutlich, daß es eine Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert[103]. Es
verhält sich – grob ausgesprochen – so, als ob eine sexuelle Vorliebe sich frühzeitig geltend
machen würde, als ob der Knabe im Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der
Liebe erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann.
Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge man auch hier die realen
525
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin