Page - 527 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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sexuellen Triebe und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, wenn es
seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie diese trifft.
Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder pflegt man die meisten zu
übersehen, einige kann man auch nach den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges
Mädchen meiner Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische abberufen
wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. »Jetzt will ich die Mama sein. Karl, willst
du noch Gemüse? Nimm doch, ich bitte dich« usw. Ein besonders begabtes und lebhaftes
Mädchen von vier Jahren, an der dies Stück Kinderpsychologie besonders durchsichtig ist, äußert
direkt: »Jetzt kann das Muatterl einmal fortgehen, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich
will seine Frau sein.« Im Kinderleben schließt dieser Wunsch durchaus nicht aus, daß das Kind
auch seine Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald
der Vater verreist ist, und nach dessen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer Person,
die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch bei ihm gestalten, daß der Vater
immer abwesend sein möge, damit er seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann,
und ein Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der Vater tot ist, denn das
eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: »Tote« Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer
abwesend, kommen nie wieder.
Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vorgeschlagenen Deutung zwanglos
fügen, so ergeben sie allerdings nicht die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen
erwachsener Neurotiker dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden Träume erfolgt
hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als Wunschträume unausweichlich wird. Ich
finde eines Tages eine Dame betrübt und verweint. Sie sagt: Ich will meine Verwandten nicht
mehr sehen, es muß ihnen ja vor mir grausen. Dann erzählt sie fast ohne Übergang, daß sie sich
an einen Traum erinnert, dessen Bedeutung sie natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier Jahren
geträumt, er lautet folgendermaßen: Ein Luchs oder Fuchs geht auf dem Dache spazieren, dann
fällt etwas herunter oder sie fällt herunter, und dann trägt man die Mutter tot aus dem Hause,
wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mitgeteilt, daß dieser Traum den Wunsch aus
ihrer Kindheit bedeuten muß, die Mutter tot zu sehen, und daß sie dieses Traumes wegen meinen
muß, die Verwandten grausen sich vor ihr, so liefert sie bereits etwas Material, den Traum
aufzuklären. »Luchsaug« ist ein Schimpfwort, mit dem sie einmal als ganz kleines Kind von
einem Gassenjungen belegt wurde; ihrer Mutter ist, als das Kind drei Jahre alt war, ein
Ziegelstein vom Dach auf den Kopf gefallen, so daß sie heftig blutete.
Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das verschiedene psychische Zustände
durchmachte, eingehend zu studieren. In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit
begann, zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter, schlug und
beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette näherte, während sie gegen eine um vieles ältere
Schwester zu derselben Zeit liebevoll und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer, aber etwas
apathischer Zustand mit sehr gestörtem Schlaf; in dieser Phase begann ich die Behandlung und
analysierte ihre Träume. Eine Unzahl derselben handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode
der Mutter; bald wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei, bald sah sie sich und ihre
Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen; es blieb über den Sinn dieser Träume kein
Zweifel. Bei noch weiter fortschreitender Besserung traten hysterische Phobien auf; die
quälendste darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei. Von wo immer sie sich befand,
mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen, daß die Mutter noch lebe. Der Fall war
nun, zusammengehalten mit meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er zeigte in gleichsam
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin