Page - 529 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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beschenkt wird. Er regiert lange Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit der ihm unbekannten
Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest ausbricht, welche eine neuerliche Befragung
des Orakels von Seiten der Thebaner veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles ein. Die
Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, wenn der Mörder des Laïos aus dem
Lande getrieben sei. Wo aber weilt der?
»Wo findet sich
die schwer erkennbar dunkle Spur der alten Schuld?«
(Übersetzung von Donner, V. 108 f.)
Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in der schrittweise gesteigerten und
kunstvoll verzögerten Enthüllung – der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar –, daß Ödipus
selbst der Mörder des Laïos, aber auch der Sohn des Ermordeten und der Jokaste ist. Durch seine
unwissentlich verübten Greuel erschüttert, blendet sich Ödipus und verläßt die Heimat. Der
Orakelspruch ist erfüllt.
König Ödipus ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre tragische Wirkung soll auf dem
Gegensatz zwischen dem übermächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der
vom Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der Gottheit, Einsicht in die
eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene Zuschauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig
haben moderne Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, indem sie den
nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel verwoben. Allein die Zuschauer haben
ungerührt zugesehen, wie trotz alles Sträubens schuldloser Menschen ein Fluch oder
Orakelspruch sich an ihnen vollzog; die späteren Schicksalstragödien sind ohne Wirkung
geblieben.
Wenn der König Ödipus den modernen Menschen nicht minder zu erschüttern weiß als den
zeitgenössischen Griechen, so kann die Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der
griechischen Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschenwillen ruht,
sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, an welchem dieser Gegensatz erwiesen
wird. Es muß eine Stimme in unserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des
Schicksals im Ödipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen wie in der Ahnfrau oder
in anderen Schicksalstragödien als willkürliche zurückzuweisen vermögen. Und ein solches
Moment ist in der Tat in der Geschichte des Königs Ödipus enthalten. Sein Schicksal ergreift uns
nur darum, weil es auch das unsrige hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt
denselben Fluch über uns verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die
erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater
zu richten; unsere Träume überzeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater Laïos
erschlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunscherfüllung unserer Kindheit.
Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem, insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind,
gelungen, unsere sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, unsere Eifersucht gegen
unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher sich jener urzeitliche Kindheitswunsch
erfüllt hat, schaudern wir zurück mit dem ganzen Betrag der Verdrängung, welche diese
Wünsche in unserem Innern seither erlitten haben. Während der Dichter in jener Untersuchung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin