Page - 530 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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die Schuld des Ödipus ans Licht bringt, nötigt er uns zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, in
dem jene Impulse, wenn auch unterdrückt, noch immer vorhanden sind. Die Gegenüberstellung,
mit der uns der Chor verläßt,
». . . sehet, das ist Ödipus,
der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht,
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten;
Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!«
diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den Kinderjahren so weise und so
mächtig geworden sind in unserer Schätzung. Wie Ödipus leben wir in Unwissenheit der die
Moral beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und nach deren Enthüllung
möchten wir wohl alle den Blick abwenden von den Szenen unserer Kindheit[105].
Daß die Sage von Ödipus einem uralten Traumstoff entsprossen ist, welcher jene peinliche
Störung des Verhältnisses zu den Eltern durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalte
hat, dafür findet sich im Texte der Sophokleischen Tragödie selbst ein nicht mißzuverstehender
Hinweis. Jokaste tröstet den noch nicht aufgeklärten, aber durch die Erinnerung der
Orakelsprüche besorgt gemachten Ödipus durch die Erwähnung eines Traums, den ja so viele
Menschen träumen, ohne daß er, meint sie, etwas bedeute:
»Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon
Sich zugesellt der Mutter: doch wer alles dies
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.«
Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso wie damals auch heute vielen
Menschen zuteil, die ihn empört und verwundert erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel
der Tragödie und das Ergänzungsstück zum Traum vom Tod des Vaters. Die Ödipus-Fabel ist die
Reaktion der Phantasie auf diese beiden typischen Träume, und wie die Träume von
Erwachsenen mit Ablehnungsgefühlen erlebt werden, so muß die Sage Schreck und
Selbstbestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere Gestaltung rührt wiederum von einer
mißverständlichen sekundären Bearbeitung des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden
Absicht dienstbar zu machen sucht. (Vgl. den Traumstoff von der Exhibition, S. 248 f.) Der
Versuch, die göttliche Allmacht mit der menschlichen Verantwortlichkeit zu vereinigen, muß
natürlich an diesem Material wie an jedem andern mißlingen.
Auf demselben Boden wie König Ödipus wurzelt eine andere der großen tragischen
Dichterschöpfungen, der Hamlet Shakespeares. Aber in der veränderten Behandlung des
nämlichen Stoffes offenbart sich der ganze Unterschied im Seelenleben der beiden weit
auseinanderliegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der Verdrängung im
Gemütsleben der Menschheit. Im Ödipus wird die zugrundeliegende Wunschphantasie des
Kindes wie im Traum ans Licht gezogen und realisiert; im Hamlet bleibt sie verdrängt, und wir
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin