Page - 531 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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erfahren von ihrer Existenz – dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich – nur durch die von ihr
ausgehenden Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden Wirkung des moderneren Dramas
hat es sich eigentümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den Charakter des Helden in
voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf die Zögerung Hamlets gebaut, die ihm
zugeteilte Aufgabe der Rache zu erfüllen; welches die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind,
gesteht der Text nicht ein; die vielfältigsten Deutungsversuche haben es nicht anzugeben
vermocht. Nach der heute noch herrschenden, durch Goethe begründeten Auffassung stellt
Hamlet den Typus des Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde
Entwicklung der Gedankentätigkeit gelähmt wird (»Von des Gedankens Blässe angekränkelt«).
Nach anderen hat der Dichter einen krankhaften, unentschlossenen, in das Bereich der
Neurasthenie fallenden Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des Stückes lehrt, daß
Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des Handelns überhaupt unfähig ist.
Wir sehen ihn zweimal handelnd auftreten, das einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie
er den Lauscher hinter der Tapete niederstößt, ein anderesmal planmäßig, ja selbst arglistig,
indem er mit der vollen Unbedenklichkeit des Renaissanceprinzen die zwei Höflinge in den ihm
selbst zugedachten Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, die der Geist
seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die Auskunft, daß es die besondere Natur
dieser Aufgabe ist. Hamlet kann alles, nur nicht die Rache an dem Mann vollziehen, der seinen
Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle eingenommen hat, an dem Mann, der ihm die
Realisierung seiner verdrängten Kinderwünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen
sollte, ersetzt sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissensskrupel, die ihm vorhalten,
daß er, wörtlich verstanden, selbst nicht besser sei als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe
dabei ins Bewußte übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß; wenn jemand
Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als Folgerung aus meiner Deutung
anerkennen. Die Sexualabneigung stimmt sehr wohl dazu, die Hamlet dann im Gespräch mit
Ophelia äußert, die nämliche Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters in den nächsten
Jahren immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren Gipfeläußerungen im Timon von Athen. Es
kann natürlich nur das eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet
entgegentritt; ich entnehme dem Werk von Georg Brandes über Shakespeare (1896) die Notiz,
daß das Drama unmittelbar nach dem Tode von Shakespeares Vater (1601), also in der frischen
Trauer um ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen, der auf den Vater bezüglichen
Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt ist auch, daß Shakespeares früh
verstorbener Sohn den Namen Hamnet (identisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis
des Sohnes zu den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit nahestehende Macbeth auf dem
Thema der Kinderlosigkeit. Wie übrigens jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum der
Überdeutung fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird auch jede echte
dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv und einer Anregung in der Seele des
Dichters hervorgegangen sein und mehr als eine Deutung zulassen. Ich habe hier nur die Deutung
der tiefsten Schicht von Regungen in der Seele des schaffenden Dichters versucht[106].
Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandter nicht verlassen, ohne daß ich deren
Bedeutung für die Theorie des Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese
Träume zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, daß der durch den verdrängten
Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Zensur entgeht und unverändert in den Traum übertritt.
Es müssen besondere Verhältnisse sein, die solches Schicksal ermöglichen. Ich finde die
Begünstigung für diese Träume in folgenden zwei Momenten: Erstens gibt es keinen Wunsch,
von dem wir uns ferner glauben; wir meinen, das zu wünschen könnte »uns auch im Traume
nicht einfallen«, und darum ist die Traumzensur gegen dieses Ungeheuerliche nicht gerüstet,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin