Page - 532 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ähnlich etwa wie die Gesetzgebung Solons keine Strafe für den Vatermord aufzustellen wußte.
Zweitens aber kommt dem verdrängten und nicht geahnten Wunsch gerade hier besonders häufig
ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer Sorge um das Leben der teuren Person. Diese Sorge kann
sich nicht anders in den Traum eintragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches
bedient; der Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen Sorge maskieren. Wenn
man meint, daß dies alles einfacher zugeht, daß man eben bei Nacht und im Traum nur fortsetzt,
was man bei Tag angesponnen hat, so läßt man die Träume vom Tode teurer Personen eben außer
allem Zusammenhang mit der Traumerklärung und hält ein sehr wohl reduzierbares Rätsel
überflüssigerweise fest.
Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den Angstträumen zu verfolgen. In den
Träumen vom Tode teurer Personen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er
sich der Zensur – und der durch sie bedingten Entstellung – entziehen kann. Die nie fehlende
Begleiterscheinung ist dann, daß schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden.
Ebenso kommt der Angsttraum nur zustande, wenn die Zensur ganz oder teilweise überwältigt
wird, und anderseits erleichtert es die Überwältigung der Zensur, wenn Angst als aktuelle
Sensation aus somatischen Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in welcher
Tendenz die Zensur ihres Amtes waltet, die Traumentstellung ausübt; es geschieht, um die
Entwicklung von Angst oder anderen Formen peinlichen Affekts zu verhüten.
Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele gesprochen und knüpfe nun daran
mit der Absicht, hier einen Zusammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen
Charakter bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt das liebe Ich auf,
wenn auch verkleidet. Die Wünsche, die in ihnen erfüllt werden, sind regelmäßig Wünsche dieses
Ichs; es ist nur ein täuschender Anschein, wenn je das Interesse für einen anderen einen Traum
hervorgerufen haben sollte. Ich will einige Beispiele, welche dieser Behauptung widersprechen,
der Analyse unterziehen.
I
Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine große garnierte Schüssel gesehen, worauf
ein großes Stück Fleisch gebraten war, und das Stück war auf einmal ganz – nicht zerschnitten –
aufgegessen. Die Person, die es gegessen hat, hat er nicht gesehen[107].
Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleischmahlzeit unser Kleiner träumt? Die
Erlebnisse des Traumtages müssen uns darüber aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen
Tagen nach ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traumtages war er aber unartig, und
da wurde ihm zur Strafe die Abendmahlzeit entzogen. Er hat schon früher einmal eine solche
Hungerkur durchgemacht und sich sehr tapfer dabei benommen. Er wußte, daß er nichts
bekommen würde, getraute sich aber auch nicht mit einem Worte anzudeuten, daß er Hunger hat.
Die Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken; sie äußert sich bereits im Traum, der einen Anfang
von Traumentstellung zeigt. Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist, deren Wünsche auf
eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit, zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm
verboten ist, wagt er es nicht, wie die hungrigen Kinder es im Traum tun (vgl. den Erdbeertraum
meiner kleinen Anna, S. 148), sich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. Die Person bleibt anonym.
II
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin