Page - 534 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß Basedow nicht nur der Name eines Arztes ist,
sondern auch der eines berühmten Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens
nicht recht sicher.) Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich gebeten habe, für den Fall, daß
mir etwas zustößt, die körperliche Erziehung meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit (daher
das Nachthemd), zu überwachen. Indem ich nun Freund Otto im Traum mit den
Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe, will ich offenbar sagen: Wenn mir etwas zustößt,
wird von ihm ebensowenig etwas für die Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn Baron L.
trotz seiner liebenswürdigen Anerbietungen. Der egoistische Einschlag dieses Traumes dürfte
nun wohl aufgedeckt sein[108].
Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache an Freund Otto, dessen Schicksal
es nun einmal ist, in meinen Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender
Beziehung. Indem ich Otto als Baron L. im Traum darstellte, habe ich gleichzeitig meine eigene
Person mit einer anderen identifiziert, nämlich mit der des Professors R., denn ich fordere ja
etwas von Otto, wie in jener Begebenheit R. von Baron L. gefordert hat. Und daran liegt es.
Professor R., dem ich mich sonst wirklich nicht zu vergleichen wage, hat ähnlich wie ich seinen
Weg außerhalb der Schule selbständig verfolgt und ist erst in späten Jahren zu dem längst
verdienten Titel gelangt. Ich will also wieder einmal Professor werden! Ja selbst das »in späten
Jahren« ist eine Wunscherfüllung, denn es besagt, daß ich lange genug lebe, um meine Knaben
selbst durch die Pubertät zu geleiten.
(γ) Andere typische Träume
Von anderen typischen Träumen, in denen man mit Behagen fliegt oder mit Angstgefühlen fällt,
weiß ich nichts aus eigener Erfahrung und verdanke alles, was ich über sie zu sagen habe, den
Psychoanalysen. Aus den Auskünften, die man dort erhält, muß man schließen, daß auch diese
Träume Eindrücke der Kinderzeit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen,
die für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher Onkel hat nicht schon ein
Kind fliegen lassen, indem er, die Arme ausstreckend, durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen
mit ihm gespielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein plötzlich streckte oder es
hochhob und plötzlich tat, als ob er ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen
dann und verlangen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas Schreck und
Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich nach Jahren die Wiederholung im Traum, lassen
aber im Traum die Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie nun frei schweben und fallen.
Die Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln und Wippen ist bekannt;
wenn sie dann gymnastische Kunststücke im Zirkus sehen, wird die Erinnerung von neuem
aufgefrischt[109]. Bei manchen Knaben besteht dann der hysterische Anfall nur aus
Reproduktionen solcher Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit ausführen. Nicht selten
sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungsspielen auch sexuelle Empfindungen wachgerufen
worden[110]. Um es mit einem bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen deckenden Worte
zu sagen: es ist das »Hetzen« in der Kindheit, welches die Träume vom Fliegen, Fallen,
Schwindel u. dgl. wiederholen, dessen Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede
Mutter weiß, ist auch das Hetzen der Kinder in der Wirklichkeit häufig genug in Zwist und
Weinen ausgegangen.
Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der Zustand unserer Hautgefühle
während des Schlafes, die Sensationen von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume
vom Fliegen und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst aus der Erinnerung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin