Page - 535 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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reproduziert sind, auf welche der Traum sich bezieht, daß sie also Trauminhalt sind und nicht
Traumquellen.
Ich verhehle mir aber keineswegs, daß ich für diese Reihe von typischen Träumen eine volle
Aufklärung nicht erbringen kann. Mein Material hat mich gerade hiebei im Stiche gelassen. Den
allgemeinen Gesichtspunkt, daß alle die Haut- und Bewegungssensationen dieser typischen
Träume wachgerufen werden, sobald irgendein psychisches Motiv ihrer bedarf, und daß sie
vernachlässigt werden können, wenn ihnen ein solches Bedürfnis nicht entgegenkommt, muß ich
festhalten. Auch die Beziehung zu den infantilen Erlebnissen scheint mir aus den Andeutungen,
die ich in der Analyse der Psychoneurotiker erhalten habe, sicher hervorzugehen. Aber welche
anderen Bedeutungen sich im Laufe des Lebens an die Erinnerung jener Sensationen geknüpft
haben mögen – vielleicht bei jeder Person andere trotz der typischen Erscheinung dieser
Träume –, weiß ich nicht anzugeben und möchte gerne in die Lage kommen, diese Lücke durch
sorgfältige Analyse von guten Beispielen auszufüllen. Wer sich darüber verwundert, daß ich trotz
der Häufigkeit gerade der Träume vom Fliegen, Fallen, Zahnausziehen u. dgl. mich über Mangel
an Material beklage, dem bin ich die Aufklärung schuldig, daß ich an mir selbst solche Träume
nicht erfahren habe, seitdem ich dem Thema der Traumdeutung Aufmerksamkeit schenke. Die
Träume der Neurotiker, die mir sonst zu Gebote stehen, sind aber nicht alle und oft nicht bis an
das Ende ihrer verborgenen Absicht deutbar; eine gewisse psychische Macht, die beim Aufbau
der Neurose beteiligt war und bei deren Auflösung wieder zur Wirksamkeit gebracht wird, stellt
sich der Deutung bis zum letzten Rätsel entgegen.
(δ) Der Prüfungstraum
Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien abgeschlossen hat, klagt über die
Hartnäckigkeit, mit welcher der Angsttraum, daß er durchgefallen sei, die Klasse wiederholen
müsse u. dgl., ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades ersetzt sich dieser
typische Traum durch einen anderen, der ihm vorhält, daß er beim Rigorosum nicht bestanden
habe, und gegen den er vergeblich noch im Schlaf einwendet, daß er ja schon seit Jahren
praktiziere, Privatdozent sei oder Kanzleileiter. Es sind die unauslöschlichen Erinnerungen an die
Strafen, die wir in der Kindheit für verübte Untaten erlitten haben, die sich so an den beiden
Knotenpunkten unserer Studien, an dem »dies irae, dies illa« der strengen Prüfungen in unserem
Inneren wieder geregt haben. Auch die »Prüfungsangst« der Neurotiker findet in dieser
Kinderangst ihre Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben, Schüler zu sein, sind es nicht mehr
wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die
unerbittliche Kausalverkettung des Lebens hat unsere weitere Erziehung übernommen, und nun
träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosum – und wer hat damals nicht selbst als
Gerechter gezagt? –, sooft wir erwarten, daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht
recht gemacht, nicht ordentlich zustande gebracht haben, sooft wir den Druck einer
Verantwortung fühlen.
Eine weitere Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer Bemerkung von Seite eines
kundigen Kollegen, der einmal in einer wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines
Wissens der Maturatraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung bestanden haben,
niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind. Der ängstliche Prüfungstraum, der, wie sich
immer mehr bestätigt, dann auftritt, wenn man vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistung
und die Möglichkeit einer Blamage erwartet, würde also eine Gelegenheit aus der Vergangenheit
herausgesucht haben, bei welcher sich die große Angst als unberechtigt erwies und durch den
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin