Page - 538 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Die Verdichtungsarbeit
Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von Trauminhalt und Traumgedanken klar
wird, ist, daß hier eine großartige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist knapp,
armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur Reichhaltigkeit der Traumgedanken.
Der Traum füllt niedergeschrieben eine halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgedanken
enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwölffache an Schriftraum. Die Relation ist für
verschiedene Träume wechselnd; sie ändert, soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren
Sinn. In der Regel unterschätzt man das Maß der statthabenden Kompression, indem man die ans
Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material hält, während weitere
Deutungsarbeit neue hinter dem Traum versteckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits
anführen müssen, daß man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum vollständig gedeutet zu
haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend und lückenlos erscheint, bleibt es doch immer
möglich, daß sich noch ein anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die
Verdichtungsquote ist also – strenggenommen – unbestimmbar. Man könnte gegen die
Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis zwischen Trauminhalt und Traumgedanken der Schluß
zu ziehen sei, es finde eine ausgiebige Verdichtung des psychischen Materials bei der
Traumbildung statt, einen Einwand geltend machen, der für den ersten Eindruck recht bestechend
scheint. Wir haben ja so oft die Empfindung, daß wir sehr viel die ganze Nacht hindurch
geträumt und dann das meiste wieder vergessen haben. Der Traum, den wir beim Erwachen
erinnern, wäre dann bloß ein Rest der gesamten Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken
an Umfang gleichkäme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten. Daran ist ein Stück
sicherlich richtig; man kann sich nicht mit der Beobachtung täuschen, daß ein Traum am
getreuesten reproduziert wird, wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern versucht, und
daß seine Erinnerung gegen den Abend hin immer mehr und mehr lückenhaft wird. Zum andern
Teil aber läßt sich erkennen, daß die Empfindung, man habe sehr viel mehr geträumt, als man
reproduzieren kann, sehr häufig auf einer Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert
werden soll. Die Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird überdies von der
Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt, denn sie wird durch die Vorstellungsmassen
erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen Stücken des Traumes gehören. Ist tatsächlich
ein großes Stück des Traumes für die Erinnerung verlorengegangen, so bleibt uns hiedurch etwa
der Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist eine durch nichts zu
rechtfertigende Erwartung, daß die untergegangenen Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene
Gedanken bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse der erhalten gebliebenen kennen[111].
Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die Analyse zu jedem einzelnen
Element des Trauminhaltes beibringt, wird sich bei manchem Leser der prinzipielle Zweifel
regen, ob man denn all das, was einem bei der Analyse nachträglich einfällt, zu den
Traumgedanken rechnen darf, d.
h. annehmen darf, all diese Gedanken seien schon während des
Schlafzustandes tätig gewesen und hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr
während des Analysierens neue Gedankenverbindungen entstehen, die an der Traumbildung
unbeteiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur bedingt beitreten. Daß einzelne
Gedankenverbindungen erst während der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann
sich jedesmal überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen Gedanken
herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer Weise verbunden sind; die neuen
Verbindungen sind gleichsam Nebenschließungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin